Facing the Storm
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Where we left ourselfs - Sanna Lorenson - 04-11-2025

Der Krieg rückte näher und hinterließ in Sanna eine seltsame Unruhe. Es fühlte sich an, als stünde sie zwischen zwei Fronten – zwei Gefahren, die sowohl sie als auch Valda bedrohten und keinen Ausweg ließen. Kein Schlupfloch, durch das sie sich zurückziehen konnte. Und trotzdem hatte sie an diesem Abend den Weg eingeschlagen, hin zu den Winterländern, die bald die Hauptstadt passieren würden, um in Eastergold Meadow zu kämpfen.
Sorge schlich sich in ihr Herz, gedämpft von einer Nervosität, die ihr selbst fremd war. Sie wusste, wer sie in dem Lager der Winterländer erwarten würde: Leif. Er würde seine Krieger nicht alleine in die Schlacht schicken – und dieser Gedanke versetzte ihr einen leisen Stich. Denn wenn er fiel, wusste sie, würde auch ein Teil von ihr mit ihm fallen. Und Valda? Sie wuchs ohnehin ohne die ständige Präsenz ihres Vaters auf. Doch sollte er sterben… würde die Zeit sie von seinem Gesicht lösen, von seiner Stimme, seinen Gesten. Die Gewissheit, dass die Erinnerung verblassen würde, traf Sanna wie ein Schlag. Und sie wusste nicht, was schwerer wog: Die Last, das Andenken an einen Toten zu bewahren – oder ihn in die Vergessenheit gleiten zu lassen. Aber es war nicht Leif, der ihre Nervosität verursachte. Nein. Ihm konnte sie begegnen, so wie sie es schon unzählige Male getan hatte. Mit trotzig gerecktem Kinn und diesem stoischen Ausdruck in den Augen, der deutlich machte, dass er nicht über ihr Schicksal bestimmen konnte. Egal, wie gut gemeint sein Rat, wie sanft seine Geste auch war.

Nein, Sanna fürchtete sich vor Veith. Vor seinem urteilenden Blick, vor einem möglichen stummen Vorwurf – und noch mehr vor der Möglichkeit, dass er ihr mit Gleichgültigkeit begegnen würde. Dieser Gedanke schnitt tiefer als jede Schuld, die sie selbst in sich trug.
Sie hatte oft an ihn gedacht. Zu oft. Und sich doch jedes Mal verboten, den Gedanken weiterzugehen. Denn nichts daran änderte ihre Lage, nichts daran, dass sie dem Winterland vielleicht noch lange fernbleiben musste. Es war ein unerbittlicher Abstand, der nicht durch Sehnsucht überbrückt werden konnte. Und doch... zog sich ihr Herz schmerzlich zusammen, sobald sie sich erinnerte, wie seine Hände sie gehalten hatten. Wie sanft seine Lippen die ihren berührt hatten, ehe sich in ihr ein Feuer entfachte, das sie zugleich nährte und verbrannte – wie eine Saat, die in zu schneller Hitze aufgeht. Diese Wärme war nicht vergessen. Sie war nur tief vergraben – und gerade deshalb umso schmerzhafter.

Ihre Schritte waren leise, als sie die ersten Zelte bemerkte. Wachsam glitten ihre Augen über die dunklen Stoffbahnen, die nur von vereinzelten, wie zufällig platzierten Lagerfeuern erhellt wurden. Die Schatten bewegten sich, flackerten, wurden zu Gestalten und verschwanden wieder. Sanna spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Dabei war sie weder eine Aufsässige, noch eine Gesuchte. Sie war wie all die anderen hier – eine Winterländerin. Und doch fühlte es sich an, als müsste sie sich rechtfertigen für jeden Schritt, für jeden Atemzug, als läge ein unsichtbarer Blick auf ihr.
In ihren Jagdkleidern würde sie nicht auffallen. Auch wenn sie schon lange im Frühlingsland war, war ihr die Kleidung dort nie vertraut geworden. Die grobe Wolle, das dunkle Leder, das Gewicht des Messers an ihrer Hüfte – das war es, was sich richtig anfühlte. Was sie an Zuhause erinnerte und was sie war.

Er stand etwas abseits, leicht seitlich, den Rücken halb ihr zugewandt. Sein Blick war auf einen Punkt gerichtet, den Sanna nicht ausmachen konnte, und sein Gesicht trug diesen vertrauten, undurchdringlichen Ausdruck. Manche hätten ihn wohl kalt genannt. Doch sie wusste, dass hinter dieser Ruhe etwas lag, das er vor allen verbarg.
Sanna hielt den Atem an. Als könnte allein dieses leise Ein- und Aus dem Stillen zwischen ihnen ein Ende setzen. Als würde schon ihr Herzschlag laut genug sein, um seine Aufmerksamkeit auf sie zu ziehen. Für einen Augenblick stand die Welt um sie herum still: die entfernten Stimmen am Feuer, das Klingen von Metall, das leise Schnauben der Pferde. Alles trat zurück – bis nur er blieb. Sie fürchtete, dass ihr der Mut entgleiten könnte. Dass ihr eigentliches Vorhaben – Leif vielleicht ein letztes Mal seine Tochter sehen zu lassen – daran scheitern würde, dass sie es nicht über sich brachte, Veith gegenüberzutreten. Der Gedanke schnürte ihr die Kehle zu. Es war nicht der Krieg, der sie lähmte. Nicht die Gefahr, nicht der bevorstehende Verlust. Es war er. Und die Erinnerung an das, was zwischen ihnen gewesen – und was unausgesprochen geblieben war.
Dennoch trat sie aus dem Schatten des Baumes hervor und bewegte sich lautlos, bis sie nur wenige Schritte hinter ihm zum Stehen kam. Ihre braunen Augen glitten über seinen breiten Rücken, über das silbrig schimmernde Haar, das im Mondlicht beinahe zu leuchten schien. Wieder spürte Sanna, wie ihr Mut ins Schwanken geriet. Ein flüchtiger Gedanke drängte sich ihr auf – einfach an ihm vorbeizugehen, in die Zeltstadt einzutauchen, als wäre sie nie hier gewesen. Aber sie tat es nicht. „Hallo, Veith…“ Ihre Stimme klang in ihren eigenen Ohren erschreckend laut, obwohl es kaum mehr als ein Flüstern gewesen war. Und als er sich umwandte, wusste sie für einen flüchtigen Augenblick nicht, was sie in dem starren Bernstein seiner Augen sah. Sie schluckte schwer und spürte, wie sich ein verräterischer Glanz in ihre eigenen Augen legte. Ärger flackerte in ihr auf – darüber, dass sie so leicht durchschaubar war, so verletzlich. Ein Kloß schob sich ihr in den Hals, als würde die Anspannung der vergangenen Wochen und Monate nun endlich auf sie niedergehen, schwer wie Schnee auf einem Dach, das lange standgehalten hatte. „Ich…“ begann sie und hob eine Hand, als wolle sie die Worte formen, sie aus der Luft ziehen. Doch ihre Hand blieb dort, unbeholfen, reglos – als hätte jemand eine unsichtbare Schlinge um ihr Handgelenk gelegt. „Es tut mir leid, dass ich einfach gegangen bin.“ Ihre Stimme klang ihr selbst fremd, wie ein Echo aus weiter Entfernung. „Helvi hat sich sicher Sorgen gemacht…“ fügte sie hastig hinzu, als fürchte sie, er könnte jeden Moment die Schultern heben, sich abwenden – und sie damit endgültig aus seinem Leben schneiden oder ihr sagen, es wäre ihm nicht einmal aufgefallen.


RE: Where we left ourselfs - Veith Alvarsson - 15-11-2025

Die Nächte im Frühlingsland hatten eine eigene Art von Stille, die nur schwer zu greifen war. Zwischen den Zelten der Winterländer summte das Leben nur leise: vereinzelte waren Stimmen zu hören oder das Knacken eines Feuers. Der Duft von Gras und feuchter Erde hing schwer in der Luft, durchsetzt von dem herben Aroma zerdrückter Blätter und dem fernen Hauch von Rauch. Veith stand etwas abseits, auf einem leichten Hügelrücken, wo das Licht der Feuer nur noch wie matter Goldstaub zwischen die Schatten der Zelte fiel. Der Blick glitt über das Tal, das sich in der Dunkelheit verlor und von Nebelschleiern durchzogen war, die sich lautlos über die Hänge legten. Hier war alles anders als zu Hause. Kein knirschender Frost unter den Stiefeln. Kein harter, beißender Wind, der selbst durch Leder und Pelz schnitt. Stattdessen trug der Wind hier das Rascheln von Blättern, das Wispern des fernen Wassers, den Puls von Leben. Obwohl er es kannte, dieses Land, hatte es ihn nie willkommen geheißen. Vielleicht, weil er zu viel Winter in sich trug. Vielleicht, weil es ihn an Dinge erinnerte, die längst vergangen waren. Seine Mutter war in Walleydor geboren, nicht weit von hier und er erinnerte sich an ihre Geschichten über blühende Obstbäume, über warme Böden und weiche Stimmen, über Lieder, die man am Abend sang, wenn kein Krieg die Gespräche überlagerte. Doch diese Erinnerungen waren nicht seine, sondern nur die Überreste fremder Worte.

Jetzt war das Frühlingsland ein Vorhof des Krieges. Veith atmete durch und wandte sich von der Anhöhe ab. Seine Schritte führten ihn den schmalen Hang hinab, wo die trockenen Halme unter den Stiefeln knisterten. Zwischen den Zelten war es wärmer, das Licht dichter, der Rauch der Feuer zog in langen Schlieren durch die Luft. Stimmen und Lachen wurden lauter und Veith realisierte, dass es der letzte Hauch von Normalität war, bevor die Welt sich veränderte. Ein paar der Männer saßen im Kreis um ein niedriges Feuer, die Schatten ihrer Gesichter zuckten im flackernden Licht. Einer von ihnen, Torik, hob kurz die Hand. „Veith. Noch bei der Aussicht sentimental geworden?“ Sein Tonfall trug den spöttischen Unterton von jemanden, der es mittlerweile gewohnt war, die Aussicht auf den bevorstehenden Krieg durch Humor zu ertragen, denn die Männer wussten, dass ihnen vielleicht nur noch wenige Nächte blieben.

Veith umrundete ein Zelt, dann ein weiteres, vorbei an einem dösenden Pferd, das leicht mit dem Ohr zuckte, als er vorbeiging. Schließlich blieb er vor seinem eigenen Zelt stehen. Er ging nicht hinein. Stattdessen blieb er davor stehen, hob den Blick wieder zum Himmel, wo die Sterne klar über dem Land standen. Es war ein stiller Moment, seltsam unberührt von dem, was bevorstand und Veith ertappte sich nicht zum ersten Mal in den letzten Tagen dabei, wie er seine Gedanken zu seiner Familie wandern ließ. Er dachte an seine Mutter, eine Frau, deren Liebe still, aber unerschütterlich war, wie die Wurzeln alter Bäume tief im gefrorenen Boden. An seinen Vater, geistig längst verloschen und doch einst ein angesehener Krieger, dessen Name in besseren Tagen mit Respekt ausgesprochen wurde. An seine Schwestern, wild wie junge Wölfinnen, jede mit eigenem Biss, die eine noch widerspenstiger als die andere. Sie alle trugen denselben stillen Trotz in sich, diesen harten, unbeugsamen Kern, den nur jene in sich tragen, die im Winterland geboren wurden oder sehr lange dort lebten.

Dann vernahm er ein Rascheln hinter sich. Ein kaum hörbares Geräusch, kaum mehr als ein Hauch und doch seltsam vertraut. Er fuhr herum. Für einen Moment glaubte er, einer ihrer Feinde habe sich unbemerkt dem Lager genähert. Seine Finger legten sich instinktiv um den Griff seines Schwerts, doch dann zögerte er. Er hörte ihre Stimme, leise und kaum mehr als ein Hauch in der Dunkelheit, aber unverkennbar und etwas in ihm spannte sich an, während der Rest bereits wusste, was der Verstand noch nicht glauben wollte. Als sie aus dem Schatten der Bäume trat, erkannte er Sanna sofort, noch bevor das Licht ihr Gesicht streifte. Und Veith?
Er stand einfach nur da und sah sie an, als hätte die Welt aufgehört, sich zu drehen.
Der Krieger war erleichtert, sie wohlbehalten wiederzusehen, und dankbar, dass ihr offenbar nichts geschehen war. Doch die Überraschung darüber, dass sie ausgerechnet hier und jetzt, an diesem verlassensten aller Orte vor ihm stand, brachte ihn dazu, sich nicht einen Deut von der Stelle zu rühren. Er brachte keinen Schritt hervor, keinen Laut, keinen einzigen Impuls, der das hätte fassen können, was gerade in ihm tobte.

Sie glaubte tatsächlich, dass nur Helvi sich Sorgen um sie gemacht hatte. Dabei war er es gewesen, der nächtelang wach gelegen und tagelang ihre Spur gesucht hatte.
Er hatte weite Strecken hinter sich gelassen, in der Hoffnung, irgendwo ein Zeichen, eine flüchtige Nachricht, ein Gerücht über ihren Verbleib zu finden. Dabei war ihm sein Tun oft genug selbst wie ein kindischer Eigensinn erschienen, denn er hätte nicht einmal sagen können, was genau sie eigentlich füreinander waren. Trotzdem wusste er, dass die Gefühle, die zwischen ihnen aufflammten – und die ihn auch jetzt, da er sie wiedersah, fast überwältigten – alles andere als belanglos waren. Er wollte sie so vieles fragen, wollte wissen, wo sie gewesen war, was sie gesehen hatte. Er wollte sie in die Arme schließen, nur um zu spüren, dass sie wirklich da war, unversehrt, greifbar. Doch als er den Mund öffnete, entglitt ihm all das, was er eigentlich sagen wollte. Stattdessen hörte er sich nur fragen: „Was tust du hier?“


RE: Where we left ourselfs - Sanna Lorenson - 18-11-2025

Er fuhr herum, und Sanna erstarrte. Ihre braunen Augen hafteten an ihm, als wolle sie begreifen, was in ihm vorging. Doch Veiths schlechteste – und zugleich auf seltsame Weise beste – Eigenschaft war, dass man seine Gedanken kaum erahnen konnte. Sie tappte im Dunkeln, sah in dieses ausdruckslose Gesicht, in dem man vielleicht im ersten Moment so etwas wie Überraschung hätte vermuten können. Sie wusste weder, wie gleichgültig ihm ihr Auftreten war, noch ob es überhaupt irgendetwas in ihm auslöste.
Alles, was sie wusste, war, was sein Anblick mit ihr machte. Ein feines Ziehen fuhr ihr durch die Brust, ein Gefühl, das an Sehnsucht erinnerte und das sie sich doch nicht eingestehen wollte. Sie hatte nie jemanden gebraucht außer sich selbst. Alles hatte sie stets allein getragen, ohne sich auf warme Worte oder tröstende Berührungen zu stützen – obwohl sie wusste, dass es Menschen gab, denen sie etwas bedeutete. Helvi. Eydis. Und ja, auch ihrer Mutter, deren hartnäckiges Urteil in Bezug auf Valda noch immer über ihr schwebte, ohne jedoch die Liebe zu mindern, die Martha für ihre Tochter empfand. Und zuletzt glaubte sie sogar, dass sie Leif etwas bedeutete – so wie er ihr. Auch wenn ihre Beziehung kompliziert war und kein Versprechen für die Zukunft in sich trug.
Doch Veith hatte etwas in ihr berührt. Jenen Teil, den sie jahrelang verborgen hatte, wie eine Wölfin ihren Welpen: den verletzlichen Kern, der sich einfach in jemanden fallen lassen wollte, der nicht immer stark sein musste. Und ein Teil von Sanna verurteilte sich insgeheim dafür. Dafür, dass sie es zugelassen hatte.

Jetzt stand sie hier und hatte das Gefühl, dass es genau diese Reise gewesen war, die sie und Veith in zwei verschiedene Welten geschleudert hatte. Sie erinnerte sich an den Abend ihrer Abreise, an den Überfall, an den Moment, in dem Eneas und Tyra sie gerettet hatten – und auch an das unausgesprochene Was wäre gewesen, wenn… wenn die beiden nicht aufgetaucht wären.
Sanna schluckte schwer. Ihre Hand fuhr in einer unsicheren Geste durch ihr Haar, und sie strich sich eine lose Strähne hinter das Ohr, als könne sie damit einen Moment Zeit gewinnen. Seine Frage war einfach, und doch lag sie wie ein Gewicht zwischen ihnen, verdichtete die Luft, bis ihre Gedanken zu kreisen begannen.
Sie war wegen Leif hier – weil sie wollte, dass er Valda noch einmal sah, bevor er in den Krieg zog. Doch insgeheim war sie auch wegen Veith hier. Sie hatte ihn sehen wollen, auch wenn in ihrem Herzen eine seltsame Angst vor genau dieser Begegnung lauerte.

Sanna löste den Blick und sah sich kurz um. Sie waren allein, und doch fühlte es sich falsch an, die Stimme zu heben, um dieses Gespräch fortzuführen. Also überwand sie sich und trat auf ihn zu, überbrückte die letzten Meter mit wenigen Schritten, bis sie wieder vor ihm stand.
Ihr Blick wanderte zu ihm hinauf, und die Anspannung in ihren Schultern schmolz unter dem warmen Bernstein seiner Augen dahin. Als hätte ihr Körper nur auf seine Gegenwart gewartet, um endlich wieder atmen zu können.
Sanna überlegte einen Augenblick, wo sie ansetzen sollte, und ließ den Blick kurz auf seine Brust sinken, als könne sie dort einen Anfangsfaden finden. „Beim Eisfeuerfest hat man Valda erkannt. Deshalb musste ich das Winterland verlassen.“ Ihre Stimme war leise, so leise, dass sie selbst einen Moment lang glaubte, ihre Worte ergäben keinen Sinn. „Beziehungsweise …“ Sie korrigierte sich, die Augenbrauen zusammengezogen, als müsse sie den Gedanken erst festhalten, damit er nicht entglitt. „Sie hat ihren Vater erkannt und wollte zu ihm rennen. Und das blieb nicht unbemerkt.“ Wieder verstummte sie für einen Moment. Die Situation war unglücklich gewesen — und vor allem … unnötig. Es war ihre eigene Schuld, dass sie hier gelandet war; sie hätte dieses Fest einfach meiden können. Valdas Vater war zwischen Sanna und Helvi nie ein Thema gewesen. Veiths Schwester hatte früh bemerkt, dass die Blondine nicht darüber sprechen wollte.
„Als ich hörte, dass ihr hier lagert, wollte ich…“ Ihre Stimme war ruhig aber fester als zuvor, und sie hob den Blick wieder zu Veith. „… sehen, ob er unter euch ist. Falls er Valda vor dem Krieg noch einmal sehen möchte.“ Sanna strich sich mit der Hand über den anderen Arm, als müsste sie sich selbst beruhigen. „Und ich wollte sehen, ob du auch hier bist…“ gestand sie schließlich und hob erneut den Blick.
Ein seltsames Gefühl der Leere breitete sich in ihr aus, als sie in Veiths Gesicht sah — als hätte jemand ihr etwas genommen: Zeit, ein Gefühl, etwas, das nie wirklich ihr gehört hatte… und das sie sich doch so sehr gewünscht hatte.


RE: Where we left ourselfs - Veith Alvarsson - 11-01-2026

Der Wind hatte gedreht. Ein feiner Luftzug strich über die Zeltplanen, brachte den dumpfen Geruch von altem Rauch und feuchtem Gras mit sich. Veith spürte, wie sich seine Finger langsam vom Griff des Schwertes lösten. Es war kein bewusster Entschluss, eher ein Nachgeben, als hätte sein Körper begriffen, dass keine Gefahr mehr lauerte. Sanna stand so nah, dass er die feinen Schatten unter ihren Augen erkennen konnte und doch brachte er zunächst keinen Ton heraus. Er sah sie an, ohne sich zu rühren. Die Schatten der Nacht glitten über ihr Gesicht, formten wechselnde Konturen auf Wangen, Stirn, Lippen. Veiths Blick blieb daran haften wie an einer Wunde, die man nicht berühren wollte, weil man wusste, dass sie noch brennt. Es war ein Anblick, den er nicht mehr erwartet hatte. Etwas in seiner Brust reagierte. Ein Ziehen, dumpf und weit, als hätte ihm jemand den Boden unter den Füßen weggezogen, ohne dass sein Körper fiel. Statt Erleichterung fühlte er erst Leere. Als hätte die Angst, die sich über Wochen in ihm eingenistet hatte, zu viel Platz eingenommen und jetzt wusste er nicht, wohin mit sich. Er hatte geglaubt, Sanna sei tot. Nicht, weil es Beweise gab. Sondern weil das Schweigen zu lange währte, weil jeder weitere Tag ohne Nachricht sich wie Erde auf einem Grab anfühlte und weil er sich selbst nicht eingestehen wollte, dass er sie vermisste.

Die Vorstellung, sie wiederzusehen, hatte ihn nie losgelassen. Aber jetzt, da sie tatsächlich vor ihm stand, war es, als würde alles, was er sich zurechtgelegt hatte, all die Wut, der Trotz, das verzweifelte Festhalten an Gleichgültigkeit, mit einem Mal bedeutungslos. „Du bist also nicht tot“, sagte er schließlich. Es war das Einzige, was seine Lippen in diesem Moment zuließen. Nur diese eine, einfache Feststellung, rau und tief, als koste sie ihn mehr Kraft, als er bereit war zu zeigen. Er wich ihrem Blick nicht aus. Tat er nie. Aber da war etwas in seinen Augen, das aufglomm, ein leiser Riss in der Rüstung, den kaum jemand zu deuten wusste. Trauer, die sich in Erleichterung verwandelte, ohne je ganz zu vergehen und darunter etwas, das er weder benennen noch zeigen wollte. „Wir haben nach dir gesucht“, fügte er hinzu, leise. „Helvi hat sich gefragt, ob du noch lebst. Ich bin bis zur Nebelmark geritten. Zwei Tage ohne Rast. Habe jeden gefragt, der sprechen konnte.“ Eine kurze Pause kehrte ein. Als er weiterredete, blieb sein Tonfall gleich, aber die Worte schnitten wie kalte Klingen. „War eine dumme Idee.“ Ein Windstoß zerrte an seinem Umhang, riss kurz an den Schnüren am Kragen. Etwas in ihm war noch immer erstarrt. Nicht vor Wut oder Schock, sondern vor dem, was es bedeutete, dass sie jetzt hier vor ihm stand.

Dann begann Sanna zu erzählen. Vom Eisfeuerfest, von Valda und ihrem Vater, von jenem Moment, in dem alles aus dem Ruder lief und während ihre Stimme leise durch die Nacht glitt, wurde Veith mit einem Mal bewusst, wie wenig er eigentlich über sie wusste. Er kannte ihren Gang, den trockenen Humor, ihre Standhaftigkeit, wenn andere längst wankten. Aber wer sie wirklich war, was sie in sich trug, was sie verdrängte, was sie verlor, davon hatte er kaum mehr als Fragmente. Trotzdem stand sie ihm näher als viele, die ihr halbes Leben mit ihm verbracht hatten. Das war das Absurde daran. Nur eines war sicher: Sanna war nicht nur die Freundin seiner Schwester. Er empfand viel mehr für sie und er fühlte sich von ihr angezogen, wie die Motte vom Licht.

Sanna schwieg schließlich. Ihre Worte hatten sich erschöpft, wie Wasser, das nach einem langen Lauf versickerte und es entstand eine jener Pausen, die nicht unangenehm waren, aber auch nicht leicht. Veith stand da, die Hände reglos. Etwas in ihm wollte sich rühren, aber er tat es nicht. Er rang nicht mit Worten, sondern mit ihrer Nähe. „Ich bin froh, dass du da bist“, sagte er schließlich, als würde dieser eine Satz genügen müssen, um all das zu tragen, was er nicht aussprechen konnte. Denn mehr konnte er im Moment nicht sagen, nicht ohne sich zu verraten. Er widerstand dem Drang, sie einfach in die Arme zu ziehen. Widerstand dem Bedürfnis, ihre Stimme noch einmal zu hören, ganz nah, an seiner Schulter. Stattdessen zwang er sich zur Ruhe, wie man ein unruhiges Pferd am Zügel hält. Er wusste nicht, wie sie zueinander standen. Nicht nach all der Zeit und sicherlich nicht nach dem, was unausgesprochen zwischen ihnen lag und vielleicht immer dort bleiben würde. Doch als er ihre Worte über Valdas Vater erneut in Gedanken durchging, verspürte er einen leichten Stich in der Brust. Er wusste nicht, warum es ihn störte. Nur dass es das tat. „Soll ich dich zu Valdas Vater führen?“ fragte er schließlich. Seine Stimme blieb ruhig, beinahe neutral. Doch sie trug eine Schwere, die vorher nicht da gewesen war.


RE: Where we left ourselfs - Sanna Lorenson - 12-01-2026

Sanna bemerkte die kleine Bewegung an dem Griff seines Schwertes, seinen Blick, der ihr nichts verriet - außer, dass in ihm offenbar gerade nichts war. Nichts, das ihr zeigte, dass er dieses leise Ziehen zwischen ihnen wahrnahm, gegen das sie sich beide so vehement gewehrt hatten. Nichts, das an Erleichterung oder Anteilnahme erinnerte. Einfach nichts.
Eine beneidenswerte Eigenschaft, wie sie fand, während hinter ihren eigenen dunklen Augen ein Sturm tobte, der das Chaos in ihrem Kopf und ihrem Herzen schonungslos preisgab.

„Du bist also nicht tot“

Diese schlichte, fast beiläufige Feststellung traf sie härter, als sie erwartet hatte. Sannas Herz sank, als würde es ihr für einen Moment aus der Brust gezogen und tiefer fallen gelassen. Beinahe hätte sie den Blick abgewandt, sich diesem Gefühl entzogen - doch dann war da dieser feine Riss im Bernstein seiner Augen. Ein kaum wahrnehmbares Aufflackern. Sie konnte es nicht benennen, nicht festhalten, aber es genügte. Es war genug, um ihr zu sagen, dass sie nicht gleichgültig war. Nicht ganz. Und in diesem winzigen Moment wusste sie: Auch wenn er es niemals aussprechen würde - irgendetwas zwischen ihnen lebte noch.
Als er von seiner Suche erzählte und davon, dass es eine dumme Idee gewesen sei, nach ihr zu fragen, hoben sich ihre Augenbrauen nur leicht. „Es ehrt mich, dass du diese Mühen auf dich genommen hast.“ Ihre Stimme wurde leiser, brach an der Kante eines unausgesprochenen Gedankens. Denn ein Teil von ihr wusste, dass eine Frau ihres Standes eigentlich nicht der Mühe wert war. Sie war ein Name irgendwo in der Winterwildnis — unbedeutend, ohne Rang, ohne Gewicht. Keine Persönlichkeit, deren Verschwinden Fragen aufwarf. Damit machte sie ihr Leben nicht klein. Aber sie kannte den Kontrast zwischen seinem Stand und ihrem nur allzu gut. „Ich werde dich für deine Strapazen entschädigen“, sagte sie schließlich mit plötzlicher Bestimmtheit, beinahe so, als erteile sie einen Auftrag. „Nur nicht mit Leder aus dem Frühlingsland - die Häute hier sind nicht so fest und dick wie die aus unserer Heimat.“ Während die Tiere in Norsteading das ganze Jahr über mit der Kälte kämpften, hatte die Evolution ihre Häute dicker und widerstandsfähiger werden lassen. Und eigentlich … war all das in diesem Moment egal. Sie wollte ihm nur nichts schuldig sein. Es fühlte sich nicht richtig an.

Während sie sprach, hielt sie seinen Blick. Hatte seine Ausdruckslosigkeit sie zuvor noch herausgefordert, so schüchterte sie sie nun ein. Die Stille, die auf ihre Worte folgte, war nicht leicht - sie legte sich wie zusätzliches Gewicht auf ihre Schultern. Und doch musste sie nicht mit weiteren Worten gefüllt werden.
Es war ihre Schuld, dass es sich jetzt so anfühlte. Dessen war sich Sanna bewusst. Und gerade deshalb konnte sie akzeptieren, dass es zwischen ihnen im Moment genau so war, wie es war. Auch wenn sie es sich anders wünschte.
Und dann sagte Veith etwas, das ihr Herz für einen flüchtigen Moment aus dem Rhythmus brachte. Es waren einfache Worte, ruhig gesprochen, ohne Pathos — und doch trugen sie mehr in sich, als sie und vielleicht auch er zugeben wollten.

Er war froh, dass sie da war.

Das Lächeln, das sich an Sannas Mundwinkeln regte, war verhalten, aber warm, und ein leichter Schatten von Zuneigung huschte über ihr Gesicht. „Ich habe oft an dich gedacht.“ Es war keine Lüge - ein stiller Hinweis darauf, dass sie das, was zwischen ihnen geschehen war, nicht vergessen hatte. Auch wenn der Moment denkbar ungünstig war. Wer wusste schon, ob sie sich danach jemals wiedersehen würden? Vielleicht würde er fallen oder gefangen genommen werden. Vielleicht würde ihr abendlicher Besuch sie verraten, und jemand würde ihr auflauern. Was auch immer kommen mochte - ihre Zukunft lag im Dunkeln, so unsicher wie der Augenblick zwischen ihnen. Und gerade das machte diesen Moment in seiner Flüchtigkeit so unglaublich kostbar und zerbrechlich, dass Sanna nicht wusste, ob sie ihn einfach vorbeiziehen lassen sollte. Konnte sie es? Durfte sie es? Doch bevor sie den Gedanken weiter ausführen oder eine Entscheidung treffen konnte, fragte er sie, ob er sie zu Valdas Vater führen sollte. Instinktiv nickte sie, weil das einfacher schien, als die letzte Distanz zwischen ihnen zu überbrücken. Und zugleich bedeutete es, dass sie ihn in ein Geheimnis einweihen musste, das letztlich auch für ihn gefährlich werden konnte. Nachdenklich kaute sie auf ihrer Unterlippe und fuhr sich durch das lange, blonde Haar. Sie vertraute Veith - aus welchem Grund auch immer. Vielleicht aus einem unvernünftigen Grund, vielleicht, weil ihr törichtes Herz sich an ihn gehängt hatte. Sie trat einen Schritt näher - diesmal nicht der Nähe wegen, sondern weil sie es so leise wie möglich sagen wollte. Auf Zehenspitzen stützte sie eine Hand an seiner Brust und flüsterte ihm ins Ohr: „Leif Stelhammer ist Valdas Vater.“


RE: Where we left ourselfs - Veith Alvarsson - 09-02-2026

Er hatte sich unzählige Male vorgestellt, wie es sein würde, Sanna wiederzusehen - tot oder lebendig. Er hatte gewusst, dass er sich womöglich auf das Schlimmste einstellen musste, hatte diesen Gedanken zugelassen, ihn immer wieder durchlebt, um nicht unvorbereitet zu sein. Trotzdem war all diese innere Vorbereitung im entscheidenden Moment wertlos. Es gelang ihm nicht, ihre Anwesenheit so klar zu erfassen, so wirklich bei sich ankommen zu lassen, wie er es sich wünschte. Er hatte sie vermisst, weit mehr, als ihm guttat. Diese Sehnsucht war ein stiller, beharrlicher Schmerz, den er sich selbst nicht erklären konnte. Schließlich teilten sie damals nur wenige, flüchtige Stunden miteinander und doch waren diese Stunden von einer solchen Intensität geprägt, dass sie sich unauslöschlich in ihn einbrannten. Der Gedanke, Sanna zu verlieren, war für ihn unerträglich gewesen, dennoch war genau das geschehen.
Es hatte etwas mit ihm gemacht. Etwas verändert, etwas in ihm aufgebrochen, das er bislang nicht gekannt hatte. Zum ersten Mal in seinem Leben wusste Veith nicht weiter. Bislang gab es für jedes Problem eine Lösung, für jede Situation einen klaren, logischen Weg nach vorn. Er war rational veranlagt, kontrolliert, beherrscht gewesen, doch all das griff nun nicht mehr. Seine gewohnte Ordnung versagte und zurück blieb ein Gefühl, dem er keinen Namen geben konnte.

Erst als sie weitersprach, wurde ihm bewusst, wie sehr er ihre Stimme vermisste. Ihr Klang traf ihn unerwartet und riss etwas in ihm auf, das er während ihrer Abwesenheit sorgfältig verdrängt hielt. Für einen kurzen Moment kam er sich vor wie ein liebestrunkener Idiot, der nichts Besseres mit sich anzufangen wusste, als über seine eigenen Gefühle nachzugrübeln. Dieser Gedanke missfiel ihm. So wollte er nicht sein. Sein Vater war ein Krieger gewesen, ebenso dessen Vater vor ihm. Krieger galten nicht als liebeshungrige Narren, nicht als Männer, die sich von Regungen leiten ließen, auch wenn sein Vater seine Mutter einst aus Zuneigung heiratete. Veith selbst dachte bis zu dem Augenblick, in dem Sanna in sein Leben getreten war, kaum je ernsthaft über so etwas nach. „Du musst mich dafür nicht entschädigen“, erwiderte er schließlich und machte eine wegwerfende Geste, als wollte er das Thema von sich schieben. Er suchte sie nicht in der Erwartung einer Belohnung. Die Stunden und Tage, in denen er ihre Spur verfolgt hatte, verloren in dem Moment jede Bedeutung, da sie nun leibhaftig vor ihm stand - aus Fleisch und Blut, unbestreitbar wirklich.

„Und ich an dich“, waren seine Worte, als sie ihm gestand, an ihn gedacht zu haben. Es wirkte beinahe unwirklich, ihr nun inmitten der Zeltstadt gegenüberzustehen - Sanna, für die er mehr empfand als für jede andere Frau zuvor. Seine knappe Erwiderung blieb weit hinter dem zurück, was in ihm vorging, doch in diesem Moment waren es die einzigen Worte, zu denen er fähig war. Seine Verschlossenheit, seine zurückhaltende Art erschwerten es ihm, sich der Jägerin gegenüber zu öffnen. Als sie ohne ein Wort des Abschieds verschwand, empfand er nicht nur Sorge, sondern auch eine leise Kränkung. Nicht, weil sie fortging, sondern weil sie ihm nicht genug vertraut hatte, um sich ihm anzuvertrauen. Dennoch überwog kein Zorn. Stattdessen breitete sich Erleichterung in ihm aus, die Gewissheit, dass sie am Leben war, dass es ihr gutging.

Er schwieg für einen langen Augenblick, als Sanna ihm schließlich die Identität von Valdas Vater offenbarte. Ihre Worte lagen zwischen ihnen wie etwas Schweres. Sein Atem stockte kaum merklich und sein Blick verharrte einen Herzschlag zu lang an ihrem Gesicht. Hatte er diese Wahrheit womöglich bereits geahnt? Insgeheim war ihm bewusst gewesen, dass die Jägerin ein größeres Geheimnis mit sich trug, schon allein deshalb, weil laut Sanna die Erkenntnis über Valdas Vater auf dem Fest ihre überstürzte Abreise notwendig gemacht hatte. Doch die Gewissheit verlieh allem ein anderes Gewicht. Dass ausgerechnet einer seiner engsten Freunde der Vater des Kindes war und mehr noch, dass dieser Freund der Kronprinz war, machte die Lage ungleich komplizierter. „Ich verstehe“, sagte er schließlich leise. Es war keine bloße Beschwichtigung, sondern ein bewusst gewähltes Wort, fest genug, um das Aufbäumen in ihm niederzuhalten. Leif war nicht nur sein Freund, sondern der Kronprinz, gebunden an Pflichten, die keinen Raum für Fehler ließen. Dazwischen standen Sanna und ihre Tochter. Veith schluckte, ein kaum wahrnehmbares Anspannen seines Kiefers verriet, wie viel Selbstbeherrschung ihn diese Ruhe kostete. Was immer an Kränkung in ihm aufstieg, drängte er zurück, dorthin, wo es ihn jetzt nicht lähmen durfte. Sein Blick senkte sich auf ihren. „Wo ist Valda?“ Das Mädchen durfte nicht unbeaufsichtigt bleiben. Sie war kostbarer, als es irgendjemand hier ahnte, nicht nur für Sanna, sondern für Norsteading selbst.


RE: Where we left ourselfs - Sanna Lorenson - 10-02-2026

Obwohl er kaum etwas sagte, fühlte sich plötzlich alles, was sie ausmachte, zerbrechlich an. Seine Stille war kein leeres Schweigen; sie war gefüllt, dicht, und sie legte etwas frei, das Sanna lange nicht hatte sehen wollen. Sie erkannte sich selbst kaum wieder. Diese Unsicherheit war neu — nicht, weil sie nichts fühlte, sondern weil sie zu viel fühlte. Weil sie verstand, dass da etwas war. Etwas Unausgesprochenes, das zwischen ihnen stand und gerade deshalb so schmerzte.
Sie wusste nicht, was sie sagen sollte, um dieses Eis zu brechen, und vielleicht war es genau das, was sie lähmte: dass jedes Wort es entweder zerstören oder sichtbar machen würde. Und beides fürchtete sie. Warum es überhaupt da war, wusste sie nicht. Zwischen ihnen hatte es nichts gegeben, das Zukunft versprach — und doch war da dieses leise Wissen, dass Gefühle keine Versprechen brauchten, um weh zu tun.

Als er sagte, dass sie ihn nicht entschädigen müsse, und die Worte mit einer wegwerfenden Handbewegung abtat, zuckte ein schiefer Zug um ihre Lippen. Für einen flüchtigen Moment dachte sie an den Augenblick zurück, in dem sie ihm das grobe Leder in Helvis Hinterhof überreicht hatte — ein Geschenk und zugleich ein Gefallen, den sie nie wirklich einzulösen gedacht hatte.
Mit dieser Erinnerung im Kopf nickte sie nur und beließ es dabei. Sie wollte keine unnötige Spannung in dieses Gespräch tragen. Diskutieren war mit Veith ohnehin zwecklos — zumindest fühlte sie sich in diesem Moment nicht stark genug dafür.

Sanna spürte, wie sich ihr Herzschlag beschleunigte, als Veith ihr gestand, dass auch er an sie gedacht hatte. Dieses verräterische Herz, das dem silbernen Wolf längst einen Platz eingeräumt hatte — nicht nur für einen Moment, sondern zum Verweilen. Und das, obwohl sie wusste, dass er vielleicht nicht bleiben würde. Nicht nur, weil Welten zwischen ihnen lagen, sondern weil sie nicht sicher war, ob das Wissen um den Vater ihrer Tochter nicht all das, was sich leise zwischen ihnen gebildet hatte, im Keim ersticken würde.
Am liebsten hätte sie noch etwas gesagt, doch ihre Zunge versagte den Dienst. Für einen Moment blieb ihr nichts anderes, als die Hand tastend nach ihm auszustrecken und sie für wenige Herzschläge an seinem Arm liegen zu lassen, ehe sie wieder sanft abglitt. Dies war nicht der Moment, um all diese Dinge zu klären — auch wenn alles in Sanna danach verlangte. Und vielleicht dachte Veith genauso. Vielleicht würde es dafür auch nie den passenden Moment geben.

Sie bemerkte, dass der Name etwas in Veith bewegte. Natürlich würde er den Kronprinzen von Norsteading kennen — den jungen Wolf, der gerade dabei war, das Land seiner angeheirateten Familie zurückzuerobern. Den Kronprinzen, dem Veith Loyalität schuldete, ebenso wie dessen Familie. Sanna war nicht dumm. Sie wusste genau, dass sie ihn damit in eine ungünstige Lage brachte. Valda würde der Familie des Kronprinzen ein Dorn im Auge sein. Ein Bastard war nicht einfach ein Ausrutscher; er galt als Fehler, der korrigiert werden musste — und nicht durch Legitimation.
Die junge Jägerin spürte seinen Blick wie ein schweres, unsichtbares Gewicht auf ihrer Haut. Sie blieb auf den zehenspitzen stehen, die Füße kaum belastet, und wusste nicht, wonach sie suchte — oder ob sie es überhaupt finden wollte. Sein Blick war ruhig, beinahe harmlos, und doch zog etwas darin ihre Brust enger, ließ ihr Herz stolpern.
Ihre Hand auf seiner Brust drückte unwillkürlich fester, tastete, wollte spüren, was diese Worte in ihm auslösten. Jede kleine Anspannung, die sie fühlte, ließ ihr Herz schneller schlagen. Sie konnte sehen, wie sich sein Kiefer verhärtete, spürte die Spannung zwischen ihnen wie ein gespanntes Seil — zerbrechlich, aber gleichzeitig so stark, dass ein falscher Atemzug alles hätte zerreißen können. Und während ihre Finger auf seiner Brust lagen, pochte ihr Herz gegen jede Vorsicht in ihr. Sie wusste nicht, ob das ein gutes Zeichen war oder ein schlechtes — und gerade in dieser Ungewissheit brannte die Nähe zwischen ihnen wie eine stille, schmerzhafte Verheißung: kostbar, verletzlich, und unendlich unwiderstehlich zugleich.
„Sie ist bei einer Freundin“
, sagte Sanna ruhig, als Veith nach dem Verbleib ihrer Tochter fragte.
„Diejenige, die uns schon aus Wintergard herausgebracht hat.“
Es war ein glücklicher Zufall, dass jene Freundin wieder aufgetaucht war, und beide Frauen hatten erleichtert aufeinander reagiert, als sie sich in die Arme schließen konnten.
Sanna ließ sich wieder auf ihre Füße sinken, ihre Hand glitt von ihm ab, und sie drehte den Blick zur kleinen Zeltstadt zu ihrer Rechten.
„Wir sollten Leif finden…“
sagte sie schließlich und trat einen Schritt von Veith zurück, auch wenn es sich anfühlte, als würde es sie augenblicklich wieder in seine Nähe ziehen. Kaum merklich holte sie tiefer Luft und schob die Sehnsucht beiseite, die sich in dem dunklen Braun ihrer Augen widerspiegelte. Drei Schritte ging sie, ehe sie erneut anhielt und zu Veith sah.
Neben dem dringenden Bedürfnis, Leif wirklich aufzusuchen, war er auch eine willkommene Ausrede, sich noch ein wenig Zeit zu verschaffen — auch wenn sie noch nicht wusste, was ihr diese Zeit bringen würde. Eine Lösung? Eine Erkenntnis? Oder nur das endlose Ziehen dieses Augenblicks, das sie noch immer nicht losließ.