20-05-2025, 18:24 - Wörter:
Zuerst glaubte sie, zu halluzinieren.
Tyra starrte die Tür an, als hätte sie sich plötzlich in eine jener bösartigen Erscheinungen verwandelt, wegen denen sie jedem dahergelaufenen Quacksalber das Silber für unnütze Talismane in den gierigen Rachen warf. Vielleicht war es tatsächlich nur ihr träger Geist, der ihr einen Streich spielte. Wieder mal. Wieder so ein Fiebertraum, wie der, in dem sie geglaubt hatte, Eneas wäre zurückgekehrt, um sie aus der Hütte zu tragen und mit ihr in die nächste Schlacht zu reiten. War er nicht. Der Mistkerl war nicht zurückgekommen. Stattdessen hatte sie Blut gekotzt, mit nacktem Oberkörper auf zerfledderten Fellen gelegen, nahe der lebendigen Verwesung, und war von einer Kräuterhexe zusammengeflickt worden, die nach brünstigem Ziegenbock roch. Und diese Vettel hatte ihrem Selbstwertgefühl auch noch den letzten Rest gegeben, indem sie ihr mit runzligen Händen eiskalte, stinkende Umschläge auf den Leib gedrückt und sie mit widerlichen Brühen praktisch zwangsernährt hatte.
Jetzt also Ivar. Ein Ivar, der vor ihrer Tür stand, als sei nichts gewesen. Der leibhaftig da war – zu groß, zu unverschämt und viel zu real.
Sie öffnete die Tür langsam, die alten Dielen knarrte wie ihre Knochen, und sie selbst brauchte einen Moment, bis sie sich am windschiefen Türrahmen aufgerichtet hatte. Ihre Haltung war nahe ebenso windschief wie der Sturz, indem sie stand – notdürftig, trotzig –, obwohl sie sich innerlich noch immer anfühlte wie ein nasser Lappen auf heißem Stein.
„Wenn du mich jetzt umarmst, pisse ich dir in den Wein.“
War das das Erste, was man sagte, wenn man jemanden monatelang nicht gesehen hatte? Wahrscheinlich nicht. Aber es war das Erste, was ihr einfiel. Und es war besser als das, was sonst aus ihr herausgebrochen wäre. Dass er lebt. Dem Arschling Heofader sei Dank.
Tyra ließ ihren müden Blick über ihn gleiten – prüfend, fast misstrauisch, mit dunklen Schatten unter den Augen, die ihresgleichen suchten. Als würde sie erwarten, dass er sich gleich in Rauch auflöste. Seine Züge, vertraut wie die Narben auf ihrem eigenen Körper. Und doch hatte sich etwas verändert. Da war etwas in seinem Blick, das sie nicht deuten konnte – oder nicht deuten wollte. „Welchem Umstand hat die Menschheit es zu verdanken, dass du dich endlich dazu herablässt, aus Castandors Arschritze zu kriechen?“ Ihre Stimme war schärfer als ein Dolch, doch jeder Satz kostete sie Kraft. Ihre nackten Beine unter dem fadenscheinigen, schmutzigen Leinenhemd zitterten – nicht aus Angst oder Zorn, sondern weil sie noch immer zu schwach war, um lange zu stehen. Und weil sein Anblick etwas in ihr traf, das sie nicht benennen konnte. Nicht benennen wollte. „Verpflichtung, so machte es die Runde, ja?“ Tyras spöttisches Lachen wirkte zu rau, als müsse sie sich erst daran erinnern, wie es denn funktioniere. “Was kommt als Nächstes? Huldigst du bald dem fetten Großarschling mit offenem Hemd und knickst bei jedem höfischen Furz ein?“ Sie spuckte die Worte aus, aber ihr Blick blieb hängen. An seinem Gesicht. An seinen Augen. Und an der leisen Tatsache, dass sie sich tagelang den Schädel zerbrochen hatte, ob er noch lebte. Ob sie ihn je wiedersehen würde.
Tyra lehnte sich an den Türrahmen. Verfluchter Verräter, dieser Körper. „Ich dachte, du wärst tot.“ Ein leiser Satz. Fast ein Geständnis. Kaum hörbar. Und sofort von einem höhnischen Grinsen überspielt. „Komm rein. Bevor ich umkippe und du mich aufheben musst. Dann kann ich dir nämlich wirklich in den Wein pissen.“
Tyra starrte die Tür an, als hätte sie sich plötzlich in eine jener bösartigen Erscheinungen verwandelt, wegen denen sie jedem dahergelaufenen Quacksalber das Silber für unnütze Talismane in den gierigen Rachen warf. Vielleicht war es tatsächlich nur ihr träger Geist, der ihr einen Streich spielte. Wieder mal. Wieder so ein Fiebertraum, wie der, in dem sie geglaubt hatte, Eneas wäre zurückgekehrt, um sie aus der Hütte zu tragen und mit ihr in die nächste Schlacht zu reiten. War er nicht. Der Mistkerl war nicht zurückgekommen. Stattdessen hatte sie Blut gekotzt, mit nacktem Oberkörper auf zerfledderten Fellen gelegen, nahe der lebendigen Verwesung, und war von einer Kräuterhexe zusammengeflickt worden, die nach brünstigem Ziegenbock roch. Und diese Vettel hatte ihrem Selbstwertgefühl auch noch den letzten Rest gegeben, indem sie ihr mit runzligen Händen eiskalte, stinkende Umschläge auf den Leib gedrückt und sie mit widerlichen Brühen praktisch zwangsernährt hatte.
Jetzt also Ivar. Ein Ivar, der vor ihrer Tür stand, als sei nichts gewesen. Der leibhaftig da war – zu groß, zu unverschämt und viel zu real.
Sie öffnete die Tür langsam, die alten Dielen knarrte wie ihre Knochen, und sie selbst brauchte einen Moment, bis sie sich am windschiefen Türrahmen aufgerichtet hatte. Ihre Haltung war nahe ebenso windschief wie der Sturz, indem sie stand – notdürftig, trotzig –, obwohl sie sich innerlich noch immer anfühlte wie ein nasser Lappen auf heißem Stein.
„Wenn du mich jetzt umarmst, pisse ich dir in den Wein.“
War das das Erste, was man sagte, wenn man jemanden monatelang nicht gesehen hatte? Wahrscheinlich nicht. Aber es war das Erste, was ihr einfiel. Und es war besser als das, was sonst aus ihr herausgebrochen wäre. Dass er lebt. Dem Arschling Heofader sei Dank.
Tyra ließ ihren müden Blick über ihn gleiten – prüfend, fast misstrauisch, mit dunklen Schatten unter den Augen, die ihresgleichen suchten. Als würde sie erwarten, dass er sich gleich in Rauch auflöste. Seine Züge, vertraut wie die Narben auf ihrem eigenen Körper. Und doch hatte sich etwas verändert. Da war etwas in seinem Blick, das sie nicht deuten konnte – oder nicht deuten wollte. „Welchem Umstand hat die Menschheit es zu verdanken, dass du dich endlich dazu herablässt, aus Castandors Arschritze zu kriechen?“ Ihre Stimme war schärfer als ein Dolch, doch jeder Satz kostete sie Kraft. Ihre nackten Beine unter dem fadenscheinigen, schmutzigen Leinenhemd zitterten – nicht aus Angst oder Zorn, sondern weil sie noch immer zu schwach war, um lange zu stehen. Und weil sein Anblick etwas in ihr traf, das sie nicht benennen konnte. Nicht benennen wollte. „Verpflichtung, so machte es die Runde, ja?“ Tyras spöttisches Lachen wirkte zu rau, als müsse sie sich erst daran erinnern, wie es denn funktioniere. “Was kommt als Nächstes? Huldigst du bald dem fetten Großarschling mit offenem Hemd und knickst bei jedem höfischen Furz ein?“ Sie spuckte die Worte aus, aber ihr Blick blieb hängen. An seinem Gesicht. An seinen Augen. Und an der leisen Tatsache, dass sie sich tagelang den Schädel zerbrochen hatte, ob er noch lebte. Ob sie ihn je wiedersehen würde.
Tyra lehnte sich an den Türrahmen. Verfluchter Verräter, dieser Körper. „Ich dachte, du wärst tot.“ Ein leiser Satz. Fast ein Geständnis. Kaum hörbar. Und sofort von einem höhnischen Grinsen überspielt. „Komm rein. Bevor ich umkippe und du mich aufheben musst. Dann kann ich dir nämlich wirklich in den Wein pissen.“
![[Bild: tyra-sig.png]](https://i.postimg.cc/s27tLRQ3/tyra-sig.png)
