05-06-2025, 15:17 - Wörter:

“Heiliger Schisssack.”
Ivar hob schon die Stimme, bevor Tyra überhaupt ganz die Tür geöffnet hatte - verständlicherweise, denn er war sich im ersten Moment nicht ganz sicher, ob die alte Hexe nicht doch irgendeine Magie gewirkt und Tyra mit ihrem Körper verschmolzen hatte. Das, was da in der Tür herumlungern, hatte herzlich wenig mit der Frau zutun, die der Inhalt von seinen Latten-Träumen war, beherzt gesagt. Und trotzdem stahl sich bei ihrem Anblick ein so breites Grinsen auf sein Gesicht, samt dreckig schief hochgezogenen Mundwinkeln, Grübchen und allem, dass man schon aufpassen musste, sich nicht davon anspringen zu lassen. Was hatte er ihr derbes Mundwerk und diese verdammte Visage doch vermisst. “Siehst du scheiße aus”
, kommentierte er gleich das arme Schluckerbild im Türrahmen, womit die Begrüßung dann auch abgehandelt war. Jeweils eine Beleidigung auf beiden Seiten, und Ivar hatte das Gefühl, seit Wochen mit ihr unterwegs gewesen zu sein. Um seine Worte zu verdeutlichen, deutete er mit der Weinkaraffenhand auf - na ja, das, was man unter dem Lumpen sicher irgendwie einen Frauenkörper nennen konnte. Selbst ein Blinder sah, dass sie kaum stehen konnte, mit zitternden Beinen und fast so dünn, dass man sich keine Sorgen machte, ob die schiefe Wand sie hielt, wenn sie sich dagegen lehnte - eher, ob sie gegen die schiefe Wand bestehen konnte, wenn ein Windstoß sie in eine Richtung bog. Aber der Stolz war in ihr Gesicht geschrieben; wie eine waschechte Winterländerin, und eine waschechte Söldnerin. Ivar respektierte sie dafür, weshalb er ihren Gesundheitszustand nicht weiter kommentierte, auch wenn sie ihm die besten Vorlagen dafür zuspielte. Er lachte nur mit ihr; rau und roh, weil er gerne lachte, nicht etwa, weil ein kleiner Teil vielleicht vermisst hatte, sie lachen zu hören. “Hast du Hjorn getroffen? Die Fickwanze verdient nen Schlag in die Fresse.”
Statt auf ihre Fragen zu antworten, spielte er direkt auf die kahlköpfige Hohlbirne an, die er so genüsslich grinsen gesehen hatte. Mit einem fetten Beutel in der Hand, bevor ein Soldat seinen Schwertknauf gegen Ivars Schläfe gescheppert hatte. Gewehrt hatte er sich, mit bloßen Fäusten, dann mit Füßen. Der Söldner, der mit dem Matariyyaner unterwegs ist, gehört zu ihnen. Hjorns dreckigen Finger hätte Ivar am liebsten abgebissen, diesen Wichsfinger, der in seine Richtung gezeigt hatte. “Hast du gedacht.”
Nicht nur Tyra hatte gedacht, er wäre tot - für diesen einen, lächerlichen Moment hatte auch der Winterländer selbst gedacht, dass er sein Leben endgültig verspielt hatte. Und wenn er es getan hätte? Dann stünde Tyra heute nicht vor dem Mann, dem sie regelmäßig die Fresse polierte und sich in der gleichen Nacht mit ihm unter den Tisch soff. A propos Wein. Der Söldner betrachtete für einen Moment skeptisch das düstere Innere der Hütte, wägte für lange zwei Sekunden ab, ob er der Einladung folgen sollte, und schüttelte dann den Kopf.
“Komm raus. Du glaubst doch wohl nicht, dass ich die stinkende Hütte den Wiesen hier vorziehe.”
Ausladend deutete er auf das Feld, das sich vor ihnen erstreckte. Die Sonne war dabei, hinter den Baumkronen des angrenzenden Waldes zu verschwinden und tauchte die Grashalme in ein goldenes Licht, etwas feucht und saftig stark von dem Nieselregen am Morgen. “Die paar Schritte bringen dich nicht um”
, merkte er beiläufig an, aber man hörte den leichten, so Ivar-typischen Unterton von Provokation in der Stimme. Seinen Worten gegensätzlich wartete er hingegen knapp vor der Türschwelle, falls Tyra eine Schulter brauchte, gegen die sie sich lehnen konnte. Vielleicht hatte er sich verändert - der alte Ivar hätte vermutlich nicht einmal an so eine Kleinigkeit gedacht. Und Ivar jetzt? Der bedachte sie nur mit einem weiteren Blick, von oben bis unten, und unten bleibend, wo sie das Zittern ihrer Beine nicht verstecken konnte. “Was lässt du dich auch so flachlegen, dass du nicht mehr laufen kannst.”
Im Grunde spielte er halt doch lieber noch eine Weile notgeiler Idiot auf dem Markt bestellt, bevor er sich damit auseinandersetzen konnte, wie nahe es ihm ging, Tyra lebend zu sehen.
