15-06-2025, 09:56 - Wörter:
Mit einem leisen Platschen fielen zwei der frisch gewaschenen Perlen aus Aurelias Fingern in das nicht unbedingt tiefe, aber doch unruhige Wasser, eine klare Konsequenz auf das Zucken, das ihren ganzen Körper durchfuhr. Vielleicht war es der Schreck, der sie abrupt abbrechen ließ, der Blick für einen Moment unfokussiert und dann mit Unglauben auf ihre leeren Finger starrend. Was darauf folgte, war auf jeden Fall auch die logischste Konsequenz für eine anständige, fromme, tugendhafte junge Frau.
Ironischerweise fühlte sich der Einschnitt der Männerstimme, hier an einem öffentlichen, für jeden zugänglichen Platz, an wie ein Eingriff in ihre Privatsphäre. Als hätte er ein Ritual der Einheimischen unterbrochen und in ein Fettnäpfchen getreten, von dem er nicht wusste, dass es existierte. Aurelia kam gerne hier hin, zwischen die Felsen, weil sie sich etwas Abstand von dem städtischen Leben erhoffte. Von der Lautstärke, die morgens durch ihr offenes Fenster drang und selbst hier dick im Hintergrund anschwoll wie eine Warze, die man sich gerne abschneiden würde. Von dem Nachbartratsch, an dem sie selbst täglich freiwillig und unfreiwillig teilhatte und oft genug im Mittelpunkt dessen stand. Von den Männern, die hier zumindest eine gewisse Art von Benehmen und Respekt an den Tag legten; auch wenn man sich als Frau wohl nie ganz vor ihnen schützen konnte. Vielleicht hatte Aurelia es auch ein wenig darauf angelegt, ihre Haare offen getragen, nackte Arme preisgegeben und es ja so gewollt, wie die alte Tante vom Haus gegenüber ihr jetzt sicher gerne angeprangert hätte. Leider machte das den unangenehmen Versuch des Mannes, ihr mit schönen Worten zu schmeicheln, auch nicht unbedingt besser; der leicht sommerländische Akzent in seiner Samtstimme weckten in ihr leider die große Unlust, sich schon wieder mit einem von denen zu beschäftigen.
Aurelia verstaute die Kugeln zurück in ihrem Beutel, richtete sich in ihrer sitzenden Position etwas auf und sammelte ihr schweres Haar Strähne für Strähne auf ihrem Kopf.
„Verdammte Scheiße“
, perlte der Fluch über ihre Lippen, wie es vorher ihre Singstimme getan hatte, in Ton und Absicht so unterschiedlich wie zwei Welten. Ohne weiteres Zögern verstaute sie eilig, fast fahrlässig die übrigen Perlen in ihrem Beutel und tauchte ihre Hände bis zum Unterarm ins Wasser, um eine Hand voll Sand heraus zu fischen; hoffentlich mit den Perlen drin. Es dauerte fünf Sekunden, die der nasse Sand durch ihre Finger rann — für Aurelia bereits zu lange, denn sie wollte Antonius Bruder nicht erklären müssen, dass Stunden seiner mühevoller Arbeit einfach so wieder von der Ebbe verschluckt worden waren — bis sie eine der Kugeln endlich erspähte. Mit der zweiten hatte sie wenig später ebenfalls Erfolg, nachdem sie den ganzen Sand vor sich abgetastet hatte und die glatte Perle endlich zu fassen bekam. Warum hatte sie nochmal eingewilligt, zu helfen?Ironischerweise fühlte sich der Einschnitt der Männerstimme, hier an einem öffentlichen, für jeden zugänglichen Platz, an wie ein Eingriff in ihre Privatsphäre. Als hätte er ein Ritual der Einheimischen unterbrochen und in ein Fettnäpfchen getreten, von dem er nicht wusste, dass es existierte. Aurelia kam gerne hier hin, zwischen die Felsen, weil sie sich etwas Abstand von dem städtischen Leben erhoffte. Von der Lautstärke, die morgens durch ihr offenes Fenster drang und selbst hier dick im Hintergrund anschwoll wie eine Warze, die man sich gerne abschneiden würde. Von dem Nachbartratsch, an dem sie selbst täglich freiwillig und unfreiwillig teilhatte und oft genug im Mittelpunkt dessen stand. Von den Männern, die hier zumindest eine gewisse Art von Benehmen und Respekt an den Tag legten; auch wenn man sich als Frau wohl nie ganz vor ihnen schützen konnte. Vielleicht hatte Aurelia es auch ein wenig darauf angelegt, ihre Haare offen getragen, nackte Arme preisgegeben und es ja so gewollt, wie die alte Tante vom Haus gegenüber ihr jetzt sicher gerne angeprangert hätte. Leider machte das den unangenehmen Versuch des Mannes, ihr mit schönen Worten zu schmeicheln, auch nicht unbedingt besser; der leicht sommerländische Akzent in seiner Samtstimme weckten in ihr leider die große Unlust, sich schon wieder mit einem von denen zu beschäftigen.
„Hier habt Ihr die Chance, aus der Vielfalt des Meeres zu wählen, und ihr nehmt eine langweilige Perle“
, entgegnete sie etwas schnippischer als beabsichtigt, aber sie war halt auch nicht mehr die Entspannteste, seit sie sich in Gesellschaft wusste. Die letzten Wochen hatten sie gelehrt, eine natürliche Abwehrreaktion gegen die Inselbewohner zu entwickeln, die ihre Stadt gestürmt und den Hafen in reines Chaos verwandelt hatten. War es die Schuld des Mannes, der sie ansprach? Vermutlich nicht, aber es war definitiv seine Schuld, dass sie fast zwei Perlen im Meer verloren hatte.Aurelia verstaute die Kugeln zurück in ihrem Beutel, richtete sich in ihrer sitzenden Position etwas auf und sammelte ihr schweres Haar Strähne für Strähne auf ihrem Kopf.
„Nun, Eurer brillanten Idee zum Dank wird es wohl kaum noch Gesang geben, dem Ihr lauschen-“
, warf sie endlich einen Blick über ihre Schulter, um zumindest einschätzen zu können, mit wem sie es hier zutun hatte. Ob sie sich in Acht nehmen musste. Ob er Waffen trug und bereit war, einer hilflosen Frau mit Gewalt zu begegnen, auch wenn seine Stimme nicht den Eindruck erweckt hatte. Genauso gut hätte sie auch Seewasser schlucken können, versiegten doch alle übrigen Wörter in ihrer Kehle. Kein flüchtiger Blick war ihm gütig, sondern ein Starren, ziemlich ungeniert sogar, vergessen jeder Groll, als hätte jemand mit dem Finger geschnipst. Zu ihrem Leidwesen wusste Aurelia genau, wann ein Prachtexemplar eines Mannes vor ihr stand, und sie wusste genau, wo sie nicht hinstarren sollte, auch wenn es sie nicht davon abhielt, es trotzdem zu tun. Auch wenn sie gewollt hätte, hätte sie den Blick nicht vermeiden können, der an den Venen seines Halses abtauchte, bis der Stoff seiner Kleidung die Linien verdeckte, von denen sie genau wusste, dass sie vorhanden waren. Während ihre Hände für einen Moment vergessen hatten, was sie mit ihren Haaren auf dem Kopf anstellen wollten, öffneten sich ihre Lippen einen Spalt und nahmen einfach das Bild auf, das er ihr in der untergehenden Sonne schenkte.
