05-07-2025, 07:15 - Wörter:
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 06-07-2025, 15:56 von Aurelia Marsili.)

Ivar hätte sich jetzt bedanken können, oder irgendwas Angebrachtes sagen können. Er hätte sich mit ihr in die Hütte setzen, in Ruhe den Wein trinken und über alte Tage erzählen können. Stattdessen? Schnaufte auch er, ein Überschuss von dem Sarkasmus in seinem Grinsen, den er nur sich selbst entgegenbringen konnte.
“Heul nicht.”
Einen Scheiß würde er tun und ihr jetzt dasselbe sagen. Was zählte, war, dass sie lebte. Sanna hatte ihm nicht erzählt, was Tyra hatte durchmachen müssen, aber ihrer Verfassung nach hatte es sie viel Kraft gekostet; Kraft, die andere erst gar nicht hätten aufbringen können. Warum sollte er sich dafür bedanken, dass sie nun vor ihm stand, lebendig? Sie hatte es nicht für ihn getan.
Ivar würde sie jetzt sicher auch nicht mit Samthandschuhen anfassen, nur weil sie aussah wie ein lebendes Skelett, das Jahrhunderte lang keinen Spiegel mehr gesehen hatte. Mit einem Schulterzucken und einem leisen Lachen auf seinen Lippen drehte er sich um und ging ihr voraus, so unverschämt in seiner offensichtlich unterschätzten Fähigkeit, ohne Gehprobleme geradeaus laufen zu können.
“Wer sagt, dass ich dich stützen will. Vielleicht seh ich auch einfach gern zu, wie du fällst”
, erwiderte er auf ihren Zorn und spielte damit geflissentlich runter, dass er genau das beabsichtigt hatte. Am liebsten hätte er sich selbst für seine Sentimentalität geboxt, doch immerhin machte Tyra es ihm einfach, jede zukünftige Regung in diese demütigende tugendhafte Richtung zu unterschlagen. Sie hatte recht, das war er nicht; Ivar war eher derjenige, der ihr noch einmal einen Blick über die Schulter zuwarf und mit einem “Tu nicht so, als wärs ne Weltreise”
motivierte. “Die paar Schritte wirst du ja wohl hinbekommen.”
Nicht unbedingt, weil er sie provozieren wollte; er wusste, dass in den Knochen noch eine Stärke steckte, der sie sich vielleicht gar nicht mehr so bewusst war. Die ganze Zeit in einer Hütte festzusitzen, machte etwas mit einem und mit dem Vertrauen in den eigenen Körper; Ivar wusste das, weil er selbst mal ans Bett gefesselt gewesen war. Irgendwann musste man wieder anfangen, zu lernen, wie man einen Fuß vor den anderen setzte.Ohne weiteren Kommentar gab er ihr den Krug, wartete, bis sie fertig war und streckte dann wieder eine Hand aus, um ihn an sich zu nehmen.
“Sind nur noch ein paar Schritte.”
Und tatsächlich. Die Hütte der alten Vettel lag genau zwischen Waldrand und Feldern, über die eine kühle Brise wehte. Das Licht der untergehenden Sonne tauchte die trockenen Grashalme in ein goldenes Licht und erinnerten Ivar daran, wie wohl er sich hier wühlte. Kein Dauerregen, kein Schnee, keine trockene Hitze - Walleydor bot, was dessen Natur anging, genau das richtige Maß aus Freiheit und Frieden. Würde es den Söldner nicht immer weiter treiben, dann - eventuell - könnte er sich vorstellen, irgendwo hier Fuß zu fassen.Aber seine Füße trugen ihn nur weiter, bis das Gras unter seinen neuen Sohlen nachgab, vielleicht noch zehn Schritte weiter, dann ließ er sich mit einem satten, zufriedenen Seufzen nieder. Die Beine zu seinem Schneidersitz gekreuzt, drehte er sich zur Sonne hin und nahm endlich selbst einen kräftigen Schluck aus der Karaffe. Grob wischte er sich den Mund mit dem Handrücken ab und reichte Tyra den Wein.
“Warum muss eigentlich alles süß sein, was die Frühlingsländer machen? Ist ja ekelhaft.”
Und trotzdem würde er diesen Wein immer wieder trinken. Ob alleine, in einer Taverne, oder mit der Söldnerin neben ihm, deren Haare in dem Licht ihre goldene Farbe wieder zu bekommen schienen. Vielleicht starrte Ivar sie länger an, als er sollte, ehe er seinen Blick wieder gen Sonnenuntergang richtete.
