19-10-2025, 09:36 - Wörter:
„Verzeih.“
Das Wort war kaum mehr als ein Hauch – brüchig, zerbrechlich, so leicht, dass Jorin fast fürchtete, die Bewegung seines Atems könnte es zerschneiden. Trotzdem traf es ihn mit der Wucht eines Schlages.
Verzeih? Wofür?
Für das Zittern, das sie nicht verbergen konnte? Für Tränen, die längst getrocknet sein sollten, bevor sie ihn trafen? Für eine Schwäche, die keine war, sondern ein Aufschrei des Körpers gegen etwas, das er nicht verstand? Er sah sie an, sah die Spuren der Angst, die sich in ihr Gesicht gegraben hatten, die Wimpern noch dunkel von Feuchtigkeit, die Lippen trocken, das Haar wirr und golden zugleich. Sie war ihm nie fremder erschienen und nie so menschlich. Ein Teil von ihm wollte sofort handeln und sie in die Arme ziehen, ihr Halt geben, etwas tun, um diesen Ausdruck aus ihrem Gesicht zu vertreiben. Aber er tat es nicht. Etwas an der Art, wie sie atmete, wie ihr Blick ihn nur streifte, hielt ihn zurück. Also blieb er dort, am Rand des Bettes, unbeholfen, wie ein Mann, der die Grenzen seines eigenen Herzens nicht kannte.
Natürlich begannen auch seine Gedanken zu rasen. Ein entsetzlicher Verdacht schlich sich in sein Bewusstsein, leise, aber hartnäckig: dass ihr jemand Leid zugefügt haben musste. Etwas, das tiefer reichte, als Worte oder Vernunft. Etwas, das sie verändert hatte und sie zu der Frau formte, die ihm nun gegenübersaß – schön, stolz, und doch wie aus Glas gefertigt.
In diesem Augenblick, in dem er sie so sah, verstand er zum ersten Mal, warum sie ihn fernhielt. Nicht aus Kälte. Nicht aus Ablehnung. Sondern vielleicht, weil Nähe für sie kein Trost war, sondern eine Wunde, die nie richtig verheilt war.
Ein Laut, kaum hörbar, entrang sich seiner Kehle, ehe er ihn zurückhielt. Was sollte er sagen? Dass sie sich nicht entschuldigen müsse? Dass sie keine Schuld traf, wo er doch selbst Teil dieser Nacht war und sie geweckt hatte.
Seine Finger ruhten noch immer auf dem Fell, dicht bei ihrer Hand. Und dann spürte er es: die Berührung. Zart, zögernd, beinahe scheu. Als fürchte sie, dass er zurückweichen würde.
Doch Jorin tat es nicht. Er ließ sie gewähren, fühlte, wie ihre Finger sich vorsichtig auf die seinen legten und wie die Wärme dieser Geste langsam durch die Kälte der letzten Wochen sickerte. Etwas in seiner Brust zog sich zusammen – ein schmerzhaftes, seltsam süßes Ziehen.
„Lindgard“, sagte er leise. Der Klang ihres Namens fühlte sich mit einem Mal fremd an in seiner Kehle. „Du musst dich nicht entschuldigen.“ Seine Stimme klang rau, zu tief, als hätte sie den Weg aus einer langen Stille erst wiederfinden müssen. Er wartete auf eine Reaktion, doch sie sagte nichts. Er senkte den Blick ebenfalls, folgte der Linie ihrer Finger über seine Haut. Es war fast lächerlich, wie viel ihm diese kleine Berührung bedeutete. Wie lange hatte er sich vorgestellt, dass sie ihn so ansah, so berührte, ohne Zwang, ohne Pflicht? Und nun, da es geschah, fühlte er nur Schmerz. Nicht wegen ihr, sondern wegen allem, was sie offenbar mit sich trug, verborgen unter Schichten aus Stille und Zurückhaltung, die er nie zu durchdringen vermocht hatte.
„Ich wusste nicht, dass du…“ Er verstummte. Der Rest des Satzes fiel ihm schwer. ...diese Träume hast, hätte er sagen wollen. Oder ...so kämpfst. Aber das klang falsch. Er hatte kein Recht, das auszusprechen, nicht jetzt, nicht so. „...dass du keine Ruhe findest“, beendete er schließlich und die Worte klangen unzureichend, blass gegen die Tiefe dessen, was er gerade gesehen hatte. Er wagte, sie wieder anzusehen. Die Kerze flackerte, warf unruhige Schatten über ihr Gesicht. Er konnte nicht deuten, was in ihr vorging, nur die angespannte Stille spüren, die sie umgab wie ein Schild. Er seufzte leise, strich unbewusst mit dem Daumen über den Rand ihrer Finger, ehe er die Hand wieder zurückzog, langsam, um sie nicht zu erschrecken. „Wenn du willst, dass ich gehe…“, begann er, und seine Stimme brach beinahe, „dann sag es. Ich werde nicht bleiben, wenn du meine Nähe nicht erträgst.“
Das Wort war kaum mehr als ein Hauch – brüchig, zerbrechlich, so leicht, dass Jorin fast fürchtete, die Bewegung seines Atems könnte es zerschneiden. Trotzdem traf es ihn mit der Wucht eines Schlages.
Verzeih? Wofür?
Für das Zittern, das sie nicht verbergen konnte? Für Tränen, die längst getrocknet sein sollten, bevor sie ihn trafen? Für eine Schwäche, die keine war, sondern ein Aufschrei des Körpers gegen etwas, das er nicht verstand? Er sah sie an, sah die Spuren der Angst, die sich in ihr Gesicht gegraben hatten, die Wimpern noch dunkel von Feuchtigkeit, die Lippen trocken, das Haar wirr und golden zugleich. Sie war ihm nie fremder erschienen und nie so menschlich. Ein Teil von ihm wollte sofort handeln und sie in die Arme ziehen, ihr Halt geben, etwas tun, um diesen Ausdruck aus ihrem Gesicht zu vertreiben. Aber er tat es nicht. Etwas an der Art, wie sie atmete, wie ihr Blick ihn nur streifte, hielt ihn zurück. Also blieb er dort, am Rand des Bettes, unbeholfen, wie ein Mann, der die Grenzen seines eigenen Herzens nicht kannte.
Natürlich begannen auch seine Gedanken zu rasen. Ein entsetzlicher Verdacht schlich sich in sein Bewusstsein, leise, aber hartnäckig: dass ihr jemand Leid zugefügt haben musste. Etwas, das tiefer reichte, als Worte oder Vernunft. Etwas, das sie verändert hatte und sie zu der Frau formte, die ihm nun gegenübersaß – schön, stolz, und doch wie aus Glas gefertigt.
In diesem Augenblick, in dem er sie so sah, verstand er zum ersten Mal, warum sie ihn fernhielt. Nicht aus Kälte. Nicht aus Ablehnung. Sondern vielleicht, weil Nähe für sie kein Trost war, sondern eine Wunde, die nie richtig verheilt war.
Ein Laut, kaum hörbar, entrang sich seiner Kehle, ehe er ihn zurückhielt. Was sollte er sagen? Dass sie sich nicht entschuldigen müsse? Dass sie keine Schuld traf, wo er doch selbst Teil dieser Nacht war und sie geweckt hatte.
Seine Finger ruhten noch immer auf dem Fell, dicht bei ihrer Hand. Und dann spürte er es: die Berührung. Zart, zögernd, beinahe scheu. Als fürchte sie, dass er zurückweichen würde.
Doch Jorin tat es nicht. Er ließ sie gewähren, fühlte, wie ihre Finger sich vorsichtig auf die seinen legten und wie die Wärme dieser Geste langsam durch die Kälte der letzten Wochen sickerte. Etwas in seiner Brust zog sich zusammen – ein schmerzhaftes, seltsam süßes Ziehen.
„Lindgard“, sagte er leise. Der Klang ihres Namens fühlte sich mit einem Mal fremd an in seiner Kehle. „Du musst dich nicht entschuldigen.“ Seine Stimme klang rau, zu tief, als hätte sie den Weg aus einer langen Stille erst wiederfinden müssen. Er wartete auf eine Reaktion, doch sie sagte nichts. Er senkte den Blick ebenfalls, folgte der Linie ihrer Finger über seine Haut. Es war fast lächerlich, wie viel ihm diese kleine Berührung bedeutete. Wie lange hatte er sich vorgestellt, dass sie ihn so ansah, so berührte, ohne Zwang, ohne Pflicht? Und nun, da es geschah, fühlte er nur Schmerz. Nicht wegen ihr, sondern wegen allem, was sie offenbar mit sich trug, verborgen unter Schichten aus Stille und Zurückhaltung, die er nie zu durchdringen vermocht hatte.
„Ich wusste nicht, dass du…“ Er verstummte. Der Rest des Satzes fiel ihm schwer. ...diese Träume hast, hätte er sagen wollen. Oder ...so kämpfst. Aber das klang falsch. Er hatte kein Recht, das auszusprechen, nicht jetzt, nicht so. „...dass du keine Ruhe findest“, beendete er schließlich und die Worte klangen unzureichend, blass gegen die Tiefe dessen, was er gerade gesehen hatte. Er wagte, sie wieder anzusehen. Die Kerze flackerte, warf unruhige Schatten über ihr Gesicht. Er konnte nicht deuten, was in ihr vorging, nur die angespannte Stille spüren, die sie umgab wie ein Schild. Er seufzte leise, strich unbewusst mit dem Daumen über den Rand ihrer Finger, ehe er die Hand wieder zurückzog, langsam, um sie nicht zu erschrecken. „Wenn du willst, dass ich gehe…“, begann er, und seine Stimme brach beinahe, „dann sag es. Ich werde nicht bleiben, wenn du meine Nähe nicht erträgst.“
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