02-11-2025, 16:50 - Wörter:
Der Schnee knirschte unter den Hufen ihrer Pferde, während ein eisiger Wind ihnen über das offene Moor hinweg entgegenschlug. Der Atem der Tiere dampfte in weißen Wölkchen in die klare Winterluft und die Männer ritten nebeneinander durch die weite, verschneite Landschaft, die unter dem bleichen Himmel beinahe unwirklich wirkte. Ihre Wortwechsel erinnerten Veith zunehmend an das ewige Hin und Her eines verheirateten Paares – dieser Eindruck kam ihm nicht zum ersten Mal. Wenn er je eine Ehefrau gehabt hätte, stellte er sich vor, würde ein Gespräch mit ihr wohl ähnlich verlaufen, zumindest wenn sie ebenso widersprüchlich gestrickt wäre wie Erik und er. Zwei Dickköpfe, die nicht voneinander lassen konnten. Der Weißhaarige schnaubte hörbar, als Erik, mit einem schiefen Grinsen auf den Lippen, meinte, Veiths Leben wäre ohne ihn nur halb so spannend verlaufen.
„Ehrlich gesagt hätte ich die Fährte ohne dich längst aufgenommen“, knurrte Veith, während er seinen Umhang enger um sich schlang. „Aber stattdessen reiten wir hier seit einer halben Ewigkeit herum und schwafeln wie zwei alte Waschweiber.“ Was er nicht sagte, was er niemals zugeben würde, war, dass er dieses verbale Geplänkel nicht missen wollte. Es war mehr als bloßes Gezänk. Es war der eigentümliche Zement, der diese ungleiche Freundschaft zusammenhielt.
Als das Gespräch auf den drohenden Krieg kam, verdunkelte sich Veiths Miene noch weiter – kaum vorstellbar, dass sein Gesicht überhaupt noch mehr Ernst tragen konnte. Er sagte zunächst nichts, sondern ließ den Blick in die Ferne gleiten, dorthin, wo die weiße Weite sich mit dem Himmel vermischte. Die Stille, die sich zwischen ihnen ausbreitete, war schwerer als der Schnee, der nun in feinen Kristallen vom Himmel rieselte. Erst nach einer langen, wortlosen Minute antwortete Veith schließlich, die Stimme ruhig, doch seltsam fern: „Leif weiß das und ich bin überzeugt, dass er handeln wird.“ Mehr gab es für ihn in diesem Moment nicht zu sagen. Nicht, weil er es nicht wollte, sondern weil es nichts mehr zu sagen gab.
Doch in seinem Innersten rumorte es. Castandor. Der Name allein schmeckte nach Asche in seinem Mund. Zu lange schon gärte der Konflikt im Verborgenen, wie ein faulender Zahn, den keiner ziehen wollte und nun, da das Unvermeidliche näher rückte, fragte er sich, wie viel von dem, was sie glaubten zu schützen, am Ende übrig bleiben würde.
Zwar glitt das Gespräch in leichtere Gefilde ab, doch für Veith bedeutete das keine Erleichterung. Das neue Thema lag ihm noch schwerer im Magen als das vorherige. Kaum war das Wort Nachkommen gefallen, verfinsterte sich sein Blick auf eine Art, die selbst Erik nicht entgehen konnte. Es war nicht so, dass er das Thema nicht kannte. Zuhause wurde es ihm regelmäßig, mit sanftem Nachdruck oder unverhohlener Dringlichkeit, ins Gedächtnis gerufen. Mal zwischen Tür und Angel, mal in Form von gezielten Seitenhieben am Esstisch. Als wäre es seine verdammte Pflicht, einen Erben zu zeugen, nur damit irgendein Name weiterlebte. Doch Veith hatte für diese Art von Erbe nie viel übrig gehabt. Er war nicht blind für die Erwartungen, aber er hielt sie für leer, wie ein altes Familienwappen, das an der Wand hängt, dessen Bedeutung aber längst erloschen ist. Er vertraute darauf, dass Helvi schon dafür sorgen würde, dass ihre Linie nicht so schnell versiegte. Dass ihr Nachname ein anderer war, störte ihn kaum dabei. Namen waren Schall und Rauch. Was zählte, war, was blieb, wenn man selbst nicht mehr unter den Lebenden weilte und deshalb, so glaubte er, lag seine Aufgabe woanders. Er war nie dafür gemacht gewesen, Wurzeln zu schlagen. Seine Pflicht lag auf dem Rücken seines Pferdes, im frostigen Atem der Jagd, im Stahl seiner Klinge.
Und dann war da noch Sanna. Ihr Verschwinden hatte in ihm eine Leere hinterlassen, die er sich kaum eingestehen wollte. Nicht, dass er sich je ernsthafte Hoffnungen auf eine gemeinsame Zukunft mit ihr gemacht hätte – das wäre naiv gewesen. Sanna war wie der Wind in den Bäumen: frei, unstet, nie wirklich zu greifen. Sie kümmerte sich mit aufopferungsloser Hingabe um ihre kleine Tochter und war zugleich eine furchtlose Jägerin, die im Alleingang durch die härtesten Reviere streifte, als wären sie nur ein weiteres Stück Heimat. Die Nähe, die sich zwischen ihr und Veith entfaltet hatte, war still gewesen, zufällig, wie das Flackern des Feuers, das kurz aufflammte, bevor es verging. Trotzdem hatte dieses Flackern gereicht, um in ihm etwas zu entfachen, das er längst tot geglaubt hatte. Ein kurzer Riss im Panzer aus Pflichten, Sorgen und Schweigen. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte er sich nicht nur gebraucht, sondern auch lebendig gefühlt. Aber Sanna war verschwunden, so plötzlich, wie sie in sein Leben getreten war. Lautlos, ohne Abschied, wie eine Schneeflocke, die auf der Hand zergeht, bevor man ihre Form erkennen konnte. Veith war nicht der Mann, der sich in romantischen Vorstellungen verlor. Doch manchmal, wenn die Nächte besonders still waren, ertappte er sich bei dem Gedanken, wie es gewesen wäre, sie noch ein wenig besser kennenzulernen. Nicht als flüchtige Erscheinung am Tisch seiner Schwester, sondern als Mensch. Ein paar Worte mehr. Ein gemeinsamer Morgen. Vielleicht ein zweiter Blick, der bleibt.
„Ich sehe es doch jedes Mal, wenn Eina bei Helvi auftaucht. Von offenen Armen kann da keine Rede sein“, erwiderte Veith mit einem leisen Auflachen, das mehr nach Trotz als nach echter Heiterkeit klang. Es war der Versuch, das Thema von sich wegzuschieben, als ließe es sich mit einem lockeren Spruch entschärfen. „Da bleib ich lieber ledig und schlafe nach dem Tavernenbesuch im Stall. Wenigstens meckert da niemand, wenn ich schnarche.“
Veith blieb noch einen Moment im Sattel sitzen, die Augen schmal, den Blick auf die tiefer werdenden Abdrücke gerichtet. Der Wind trug den harzigen Geruch von Tannen heran, vermischt mit etwas, das nicht recht hierhergehörte – Eisen, vielleicht. Oder Blut. „Ich halte mich lieber an das, was uns eigentlich hierhergeführt hat“, murmelte Veith rau, während er aus dem Sattel glitt und die Zügel mit einer knappen Bewegung um einen tiefhängenden Ast schlang. „Aber du hast recht, die Pferde sind zu laut und zu auffällig.“ Er richtete sich auf und schulterte seine Waffe, ohne den Blick von der Spur zu nehmen. Dann trat er an Eriks Seite, seine Stimme leiser: „Los jetzt. Bevor der Schnee uns die Spur nimmt.“
„Ehrlich gesagt hätte ich die Fährte ohne dich längst aufgenommen“, knurrte Veith, während er seinen Umhang enger um sich schlang. „Aber stattdessen reiten wir hier seit einer halben Ewigkeit herum und schwafeln wie zwei alte Waschweiber.“ Was er nicht sagte, was er niemals zugeben würde, war, dass er dieses verbale Geplänkel nicht missen wollte. Es war mehr als bloßes Gezänk. Es war der eigentümliche Zement, der diese ungleiche Freundschaft zusammenhielt.
Als das Gespräch auf den drohenden Krieg kam, verdunkelte sich Veiths Miene noch weiter – kaum vorstellbar, dass sein Gesicht überhaupt noch mehr Ernst tragen konnte. Er sagte zunächst nichts, sondern ließ den Blick in die Ferne gleiten, dorthin, wo die weiße Weite sich mit dem Himmel vermischte. Die Stille, die sich zwischen ihnen ausbreitete, war schwerer als der Schnee, der nun in feinen Kristallen vom Himmel rieselte. Erst nach einer langen, wortlosen Minute antwortete Veith schließlich, die Stimme ruhig, doch seltsam fern: „Leif weiß das und ich bin überzeugt, dass er handeln wird.“ Mehr gab es für ihn in diesem Moment nicht zu sagen. Nicht, weil er es nicht wollte, sondern weil es nichts mehr zu sagen gab.
Doch in seinem Innersten rumorte es. Castandor. Der Name allein schmeckte nach Asche in seinem Mund. Zu lange schon gärte der Konflikt im Verborgenen, wie ein faulender Zahn, den keiner ziehen wollte und nun, da das Unvermeidliche näher rückte, fragte er sich, wie viel von dem, was sie glaubten zu schützen, am Ende übrig bleiben würde.
Zwar glitt das Gespräch in leichtere Gefilde ab, doch für Veith bedeutete das keine Erleichterung. Das neue Thema lag ihm noch schwerer im Magen als das vorherige. Kaum war das Wort Nachkommen gefallen, verfinsterte sich sein Blick auf eine Art, die selbst Erik nicht entgehen konnte. Es war nicht so, dass er das Thema nicht kannte. Zuhause wurde es ihm regelmäßig, mit sanftem Nachdruck oder unverhohlener Dringlichkeit, ins Gedächtnis gerufen. Mal zwischen Tür und Angel, mal in Form von gezielten Seitenhieben am Esstisch. Als wäre es seine verdammte Pflicht, einen Erben zu zeugen, nur damit irgendein Name weiterlebte. Doch Veith hatte für diese Art von Erbe nie viel übrig gehabt. Er war nicht blind für die Erwartungen, aber er hielt sie für leer, wie ein altes Familienwappen, das an der Wand hängt, dessen Bedeutung aber längst erloschen ist. Er vertraute darauf, dass Helvi schon dafür sorgen würde, dass ihre Linie nicht so schnell versiegte. Dass ihr Nachname ein anderer war, störte ihn kaum dabei. Namen waren Schall und Rauch. Was zählte, war, was blieb, wenn man selbst nicht mehr unter den Lebenden weilte und deshalb, so glaubte er, lag seine Aufgabe woanders. Er war nie dafür gemacht gewesen, Wurzeln zu schlagen. Seine Pflicht lag auf dem Rücken seines Pferdes, im frostigen Atem der Jagd, im Stahl seiner Klinge.
Und dann war da noch Sanna. Ihr Verschwinden hatte in ihm eine Leere hinterlassen, die er sich kaum eingestehen wollte. Nicht, dass er sich je ernsthafte Hoffnungen auf eine gemeinsame Zukunft mit ihr gemacht hätte – das wäre naiv gewesen. Sanna war wie der Wind in den Bäumen: frei, unstet, nie wirklich zu greifen. Sie kümmerte sich mit aufopferungsloser Hingabe um ihre kleine Tochter und war zugleich eine furchtlose Jägerin, die im Alleingang durch die härtesten Reviere streifte, als wären sie nur ein weiteres Stück Heimat. Die Nähe, die sich zwischen ihr und Veith entfaltet hatte, war still gewesen, zufällig, wie das Flackern des Feuers, das kurz aufflammte, bevor es verging. Trotzdem hatte dieses Flackern gereicht, um in ihm etwas zu entfachen, das er längst tot geglaubt hatte. Ein kurzer Riss im Panzer aus Pflichten, Sorgen und Schweigen. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte er sich nicht nur gebraucht, sondern auch lebendig gefühlt. Aber Sanna war verschwunden, so plötzlich, wie sie in sein Leben getreten war. Lautlos, ohne Abschied, wie eine Schneeflocke, die auf der Hand zergeht, bevor man ihre Form erkennen konnte. Veith war nicht der Mann, der sich in romantischen Vorstellungen verlor. Doch manchmal, wenn die Nächte besonders still waren, ertappte er sich bei dem Gedanken, wie es gewesen wäre, sie noch ein wenig besser kennenzulernen. Nicht als flüchtige Erscheinung am Tisch seiner Schwester, sondern als Mensch. Ein paar Worte mehr. Ein gemeinsamer Morgen. Vielleicht ein zweiter Blick, der bleibt.
„Ich sehe es doch jedes Mal, wenn Eina bei Helvi auftaucht. Von offenen Armen kann da keine Rede sein“, erwiderte Veith mit einem leisen Auflachen, das mehr nach Trotz als nach echter Heiterkeit klang. Es war der Versuch, das Thema von sich wegzuschieben, als ließe es sich mit einem lockeren Spruch entschärfen. „Da bleib ich lieber ledig und schlafe nach dem Tavernenbesuch im Stall. Wenigstens meckert da niemand, wenn ich schnarche.“
Veith blieb noch einen Moment im Sattel sitzen, die Augen schmal, den Blick auf die tiefer werdenden Abdrücke gerichtet. Der Wind trug den harzigen Geruch von Tannen heran, vermischt mit etwas, das nicht recht hierhergehörte – Eisen, vielleicht. Oder Blut. „Ich halte mich lieber an das, was uns eigentlich hierhergeführt hat“, murmelte Veith rau, während er aus dem Sattel glitt und die Zügel mit einer knappen Bewegung um einen tiefhängenden Ast schlang. „Aber du hast recht, die Pferde sind zu laut und zu auffällig.“ Er richtete sich auf und schulterte seine Waffe, ohne den Blick von der Spur zu nehmen. Dann trat er an Eriks Seite, seine Stimme leiser: „Los jetzt. Bevor der Schnee uns die Spur nimmt.“

