08-11-2025, 21:31 - Wörter:

Löcher in die Luft starrend saß sie da. Abgemagert. Frierend. Und doch völlig gefühlskalt. Dass sich die Härchen auf ihren Armen aufgestellt hatten, um das letzte Rest Wärme ihres Körpers irgendwie noch bei sich zu behalten, merkte sie schon nicht mehr. Genauso wenig wie den harten Stein unter ihren Knochen. An der ehemaligen Königin des Sommerlandes war noch nie besonders viel Fett gewesen, sie war schon immer von schlanker und eher athletischer Statur gewesen, doch mittlerweile war sie kaum noch wieder zu erkennen. Nicht nur dunkle Schatten unter ihren Augen, die von den schlaflosen Nächten und dem fehlenden Zeitgefühl erzählten, sondern auch die Spuren der letzten Tage. Blaue Flecken an Armen und Beinen, eine kleine Wunde, die sich entzündet hat hier und Haare, die mittlerweile völlig verfilzt sind dort. Yasirah ben Sahid hat den Glanz, den sie einst hatte, längst verloren. Er endete in der Sekunde, als das Herz ihres Sohnes stehen blieb. Nicht das, ihres Mannes. Das war unvermeidbar. Entweder durch das Opium, durch die eigenen Hände oder eben durch die Hände der Attentäter. Doch dass man zusätzlich noch den Thronerben ermordet und ihr ihren Sohn genommen hat, das hat der Königin den Todesstoß verpasst, obwohl sie dieses Attentat überlebt hat.
Und seitdem ist nichts, wie es mal war. Nichts ist mehr von Bedeutung. Keine Nahrung, kein Wasser. Nicht mal ihr eigenes Leben. Sie weiß nicht, was draußen passiert. Bekommt nur leises Geflüster der Wachen mit, die Tag und Nacht vor ihrer Zelle ausharrten. Niemand davon sprach mit ihr, doch alle sprachen ÜBER sie. Über Yasirah, die ehemalige und nun gefallene Königin des Sommerlandes. Über sie als Frau (obwohl man das schon gar nicht mehr wahrnimmt, nach den zehn Tagen ihrer Gefangenschaft), über sie als Mutter und über sie, als Königin. Als Ehefrau, die nicht gut genug war. Als Mutter, die versagt hat. Als Mensch, der nicht mehr wert war, als der Dreck zwischen den nackten Steinen.
Langsam blinzelte die Frau. Es war das einzige Zeichen, dass sie noch lebte. Die Lippen völlig ausgetrocknet und aufgesprungen. Die Haare stumpf und verfilzt. Vor ihr auf dem Boden die letzten Reste der Nahrung, die sie jeden Tag in die Zelle geschoben bekam und die sie kaum anrührte. Alles war zu viel. Jede Bewegung war eine, die ihr Sohn nicht mehr tun konnte. Jeder Atemzug erinnerte sie daran, dass sie ihre Hände auf die Wunde gepresst hatte. Noch immer waren die letzten Reste seines Blutes unter ihren Fingernägeln. Noch immer war die Last des Versagens so schwer, dass sie sich sicher war, sie nicht tragen zu können. Nicht, dass das noch von Bedeutung war, denn schließlich war sie seit zehn Tagen die Gefangene einer kriminellen Organisation. Doch auch das war nicht mehr von Bedeutung. Selbst die Tatsache, dass es noch zwei Kinder gab, um die es sich zu kämpfen lohnte, war nicht von Bedeutung.
Yasirah war tot, obwohl sie noch lebte.
![[Bild: IjE3HXA.png]](https://i.imgur.com/IjE3HXA.png)
