07-02-2026, 22:01 - Wörter:
Sie hatte zwei Tage vor sich hin gedämmert, gelebt in einem Körper, der sich fremd angefühlt hatte, als gehöre er nur noch bedingt ihr. Rabias Haus roch nach heißem Lehm, Bitterkräutern und kaltem Rauch. Schon in der ersten Nacht war die alte Frau über ihr gestanden wie ein unbarmherziger Schatten, Hände rau wie Stein, mit einer Stimme scharf wie geschliffenes Glas. Zariyah war kaum über die Schwelle des Versteckes gekrochen, da hatte Rabia sie schon zurechtgerückt, grob, effizient, ohne ein Fünkchen Sentimentalität. Die Wunde an ihrer Flanke war gereinigt, genäht, verbunden worden, und mit jeder Berührung hatte Rabia getadelt, gezischt, unterdrückt geschimpft. Unvorsichtig. Dumm. Stolz statt Vernunft. An diese Worte in unzähligen Kombinationen konnte sie sich vage erinnern. Zariyah hatte es über sich ergehen lassen. Sie hatte gelernt, dass Rabias Härte eine eigene Form von Sorge war, eine, die niemals einer weichen Decke glich, aber immer zuverlässig um sie geschlungen blieb wie eine. In ihren wilden Träumen in der Nacht nach dem Anschlag hatte sie den Palast erneut gesehen, gehört, gespürt: das Flackern der Feuerschalen, die Schreie von Stahl auf Stahl, den Schlag, der sie beinahe auseinandergerissen hatte. Sie hatte geglaubt, noch immer den metallischen Geschmack des Blutes im Mund zu spüren, das des Wachmanns auf ihrer Haut zu spüren.
Rabia hatte sie nicht aus den Augen gelassen, ohne sanftes Betätscheln, kein leises Mitgefühl in der Stimme, stattdessen kühle Umsicht, scharfe Befehle, bittere Kräuter und Verbände, die so fest saßen, dass jeder Atemzug sie an ihre Verletzlichkeit erinnerte. „Du hast überlebt, also jammere nicht“, hatte Rabia einmal gemurmelt, als Zariyah vor Schmerz die Zähne zusammengebissen hatte. Und doch hatte sie in derselben Nacht länger als nötig an ihrem Bett gesessen, schweigend, wachsam, wie ein Raubtier, das über eine verwundete Gefährtin wachte.
Am zweiten Tag war das Fieber zurückgewichen. Der Schmerz war zwar geblieben, dumpf und schwer, aber beherrschbar. Zariyah hatte sich langsam durch das Haus bewegt, jeden Schritt vorsichtig gesetzt, als könnte der Boden unter ihr nachgeben. Sie hatte Stimmen gehört – Abu polternd im Hof, Rabias kreative Schimpftirade aus einem Fenster zu ihm hinunter, Safiyyas leise, kontrollierte Worte irgendwo im Haus. Und doch hatte sie Devan nicht gesehen. Sie traf keinen Schatten in den Fluren, sah kein vertrautes Profil im Türrahmen, hörte kein leises Gleiten seiner Schritte über die Stufen. Das Fehlen seiner Gegenwart war lauter als jeder Tumult in diesen vier Wänden, die einem Zuhause näher kamen, als Zariyah es jemals erlebt hatte.
Als die Sonne begann, sich dem Horizont zu neigen, war sie schließlich aufs Dach gestiegen. Das hier war ihr Ort. Die Wärme des Abends hatte sich über die Dächer Dharan al-Bahrs gelegt wie ein schweres Tuch. Die Stadt glühte in rotem Licht, Staub tanzte über Lehm und Ziegel, und irgendwo unten hatte ein Marktschreier noch immer nicht genug davon, vom Tod des Königs zu berichten. Vom Fall der Ben Sahids. Zariyah hatte sich auf die Teppiche sinken lassen, vorsichtig, um ihre Flanke nicht zu reizen. Die Katze, die niemandem gehörte, und doch einen Namen besaß, war sofort zu ihr gekommen, hatte sich an ihr Bein geschmiegt, als wisse sie genau, dass Zariyah etwas brauchte, das vielleicht Trost sein konnte, wenn sie es sich gestatten würde, länger darüber nachzudenken. Die Schale mit den gerösteten Kernen, die sie praktisch überall mit hinnahm, war bereits halb geleert und lange nachzudenken hatte sie schon erneut hineingegriffen. Der Geschmack war erdig, leicht salzig und seit einiger Zeit überwältigend notwendig.
Sie hatte gegessen, gierig beinahe, sich der Hüllen geschickt entledigt, die Kerne hastig gekaut, als würde ihr Körper nach etwas rufen, das sie selbst nicht benennen konnte. Ein Hunger, der tiefer ging als Schmerz oder Erschöpfung. Ein Ziehen im Bauch, das sie irritiert und zugleich beunruhigt hatte. Ihre Gedanken waren unweigerlich zu ihm zurückgekehrt. Zu dem Mann, von dem sie sich verabschiedet hatte. Im Angesicht des Todes war dennoch da gewesen, und auch jetzt, in ihren so selten gegönnten Tagträumen, stand seine hünenhafte Gestalt scharf gezeichnet im Abendlicht, als stünde er vor ihr auf den Dächern, mit diesem halben Lächeln, bei dem sie sich einbildete, dass es ihr allein gehörte.
Und mit dem Krieger waren auch die Gedanken an den Anschlag zurückgekehrt: das Gewicht der Nacht, das Blut, der Sturz des Königs, Batuhans ruhige Hand, die schrillen Schreie der Leibmagd. Sie hatte gespürt, wie sich etwas in ihr zusammenzog – nicht nur Schuld, schon gar kein Triumph, sondern eine tiefe, unauflösliche Veränderung, als sei sie nach dieser Nacht nicht mehr ganz dieselbe. Dann hatte sie an Devan gedacht. An sein Gesicht, bleich vor Schmerz. An den Pfeilstumpf in seiner Schulter, an das Blut an seinem Bein, an den Moment, in dem sie gesehen hatte, wie er beinahe zusammengebrochen war. Seit sie in Rabias Haus angekommen waren, hatte sie ihn nicht gesehen. Nicht ein einziges Mal. Und dieser Umstand machte sie rastlos.
Tief in Gedanken versunken hatte sie die Kerne langsamer gekaut, den Blick über die Dächer schweifen lassen, als die Dachluke sich öffnete. Sein Schritt war vertraut, trotz Verletzung, trotz Schwäche. Maeaza hatte ihn zuerst bemerkt, war um seine Beine gestrichen, begrüßte einen alten Freund. Zariyah jedoch hatte nicht sofort aufgesehen. Sie hatte das leise Rascheln der Teppiche vernommen, als er sich neben sie setzte, das Knacken der Kerne. Ihr Herz hatte einen Schlag ausgesetzt. Vor Freude? Vor Angst? Eher vor etwas Unaussprechlichem, das sie nicht einordnen konnte. Sie begnügte sich damit, ihn aus dem Augenwinkel heraus zu betrachten: der Verband an seiner Schulter, das ausgestreckte Bein, die Spuren der letzten Tage in seinem Gesicht. Und doch war er da, ruhig, unverrückbar, als sei er trotz allem immer noch der gleiche Schatten, der sie einst aus der Gosse geholt hatte.
Ihr Blick blieb am Horizont hängen, wo die Sonne sich endgültig neigte, als würde sie kurz davorstehen, von selbigem zu fallen. In diesem goldenen Rand zwischen Licht und Dunkelheit dachte sie an vieles. An Blut auf Marmor. Rauch über Palastmauern. An eine Höhle aus Sand und Stille. An eine Hand auf ihrem Bauch. Der Gedanke kam leise, wie ein sanfter Atemzug, der sich festgesetzt hatte: Sie war nicht mehr allein. Und dieses Wissen war ebenso beunruhigend wie unaufhaltsam. Ihre Schulter senkte sich minimal. Schließlich löste sie eine weitere Kernhülle zwischen den Zähnen, ließ sie in die Schale zurückfallen und hob den Blick zum Himmel, als suche sie dort eine Antwort, die nicht existierte. Erst dann sprach sie — kaum mehr als ein Hauch, ohne ihn anzusehen: “Sieh an, wen es von seinem Lager getrieben hat.“
Rabia hatte sie nicht aus den Augen gelassen, ohne sanftes Betätscheln, kein leises Mitgefühl in der Stimme, stattdessen kühle Umsicht, scharfe Befehle, bittere Kräuter und Verbände, die so fest saßen, dass jeder Atemzug sie an ihre Verletzlichkeit erinnerte. „Du hast überlebt, also jammere nicht“, hatte Rabia einmal gemurmelt, als Zariyah vor Schmerz die Zähne zusammengebissen hatte. Und doch hatte sie in derselben Nacht länger als nötig an ihrem Bett gesessen, schweigend, wachsam, wie ein Raubtier, das über eine verwundete Gefährtin wachte.
Am zweiten Tag war das Fieber zurückgewichen. Der Schmerz war zwar geblieben, dumpf und schwer, aber beherrschbar. Zariyah hatte sich langsam durch das Haus bewegt, jeden Schritt vorsichtig gesetzt, als könnte der Boden unter ihr nachgeben. Sie hatte Stimmen gehört – Abu polternd im Hof, Rabias kreative Schimpftirade aus einem Fenster zu ihm hinunter, Safiyyas leise, kontrollierte Worte irgendwo im Haus. Und doch hatte sie Devan nicht gesehen. Sie traf keinen Schatten in den Fluren, sah kein vertrautes Profil im Türrahmen, hörte kein leises Gleiten seiner Schritte über die Stufen. Das Fehlen seiner Gegenwart war lauter als jeder Tumult in diesen vier Wänden, die einem Zuhause näher kamen, als Zariyah es jemals erlebt hatte.
Als die Sonne begann, sich dem Horizont zu neigen, war sie schließlich aufs Dach gestiegen. Das hier war ihr Ort. Die Wärme des Abends hatte sich über die Dächer Dharan al-Bahrs gelegt wie ein schweres Tuch. Die Stadt glühte in rotem Licht, Staub tanzte über Lehm und Ziegel, und irgendwo unten hatte ein Marktschreier noch immer nicht genug davon, vom Tod des Königs zu berichten. Vom Fall der Ben Sahids. Zariyah hatte sich auf die Teppiche sinken lassen, vorsichtig, um ihre Flanke nicht zu reizen. Die Katze, die niemandem gehörte, und doch einen Namen besaß, war sofort zu ihr gekommen, hatte sich an ihr Bein geschmiegt, als wisse sie genau, dass Zariyah etwas brauchte, das vielleicht Trost sein konnte, wenn sie es sich gestatten würde, länger darüber nachzudenken. Die Schale mit den gerösteten Kernen, die sie praktisch überall mit hinnahm, war bereits halb geleert und lange nachzudenken hatte sie schon erneut hineingegriffen. Der Geschmack war erdig, leicht salzig und seit einiger Zeit überwältigend notwendig.
Sie hatte gegessen, gierig beinahe, sich der Hüllen geschickt entledigt, die Kerne hastig gekaut, als würde ihr Körper nach etwas rufen, das sie selbst nicht benennen konnte. Ein Hunger, der tiefer ging als Schmerz oder Erschöpfung. Ein Ziehen im Bauch, das sie irritiert und zugleich beunruhigt hatte. Ihre Gedanken waren unweigerlich zu ihm zurückgekehrt. Zu dem Mann, von dem sie sich verabschiedet hatte. Im Angesicht des Todes war dennoch da gewesen, und auch jetzt, in ihren so selten gegönnten Tagträumen, stand seine hünenhafte Gestalt scharf gezeichnet im Abendlicht, als stünde er vor ihr auf den Dächern, mit diesem halben Lächeln, bei dem sie sich einbildete, dass es ihr allein gehörte.
Und mit dem Krieger waren auch die Gedanken an den Anschlag zurückgekehrt: das Gewicht der Nacht, das Blut, der Sturz des Königs, Batuhans ruhige Hand, die schrillen Schreie der Leibmagd. Sie hatte gespürt, wie sich etwas in ihr zusammenzog – nicht nur Schuld, schon gar kein Triumph, sondern eine tiefe, unauflösliche Veränderung, als sei sie nach dieser Nacht nicht mehr ganz dieselbe. Dann hatte sie an Devan gedacht. An sein Gesicht, bleich vor Schmerz. An den Pfeilstumpf in seiner Schulter, an das Blut an seinem Bein, an den Moment, in dem sie gesehen hatte, wie er beinahe zusammengebrochen war. Seit sie in Rabias Haus angekommen waren, hatte sie ihn nicht gesehen. Nicht ein einziges Mal. Und dieser Umstand machte sie rastlos.
Tief in Gedanken versunken hatte sie die Kerne langsamer gekaut, den Blick über die Dächer schweifen lassen, als die Dachluke sich öffnete. Sein Schritt war vertraut, trotz Verletzung, trotz Schwäche. Maeaza hatte ihn zuerst bemerkt, war um seine Beine gestrichen, begrüßte einen alten Freund. Zariyah jedoch hatte nicht sofort aufgesehen. Sie hatte das leise Rascheln der Teppiche vernommen, als er sich neben sie setzte, das Knacken der Kerne. Ihr Herz hatte einen Schlag ausgesetzt. Vor Freude? Vor Angst? Eher vor etwas Unaussprechlichem, das sie nicht einordnen konnte. Sie begnügte sich damit, ihn aus dem Augenwinkel heraus zu betrachten: der Verband an seiner Schulter, das ausgestreckte Bein, die Spuren der letzten Tage in seinem Gesicht. Und doch war er da, ruhig, unverrückbar, als sei er trotz allem immer noch der gleiche Schatten, der sie einst aus der Gosse geholt hatte.
Ihr Blick blieb am Horizont hängen, wo die Sonne sich endgültig neigte, als würde sie kurz davorstehen, von selbigem zu fallen. In diesem goldenen Rand zwischen Licht und Dunkelheit dachte sie an vieles. An Blut auf Marmor. Rauch über Palastmauern. An eine Höhle aus Sand und Stille. An eine Hand auf ihrem Bauch. Der Gedanke kam leise, wie ein sanfter Atemzug, der sich festgesetzt hatte: Sie war nicht mehr allein. Und dieses Wissen war ebenso beunruhigend wie unaufhaltsam. Ihre Schulter senkte sich minimal. Schließlich löste sie eine weitere Kernhülle zwischen den Zähnen, ließ sie in die Schale zurückfallen und hob den Blick zum Himmel, als suche sie dort eine Antwort, die nicht existierte. Erst dann sprach sie — kaum mehr als ein Hauch, ohne ihn anzusehen: “Sieh an, wen es von seinem Lager getrieben hat.“
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