08-02-2026, 07:14 - Wörter:
“Was, so eine?”
Leifs Kopf folgte Aleenas Fingerdeut, während sich seine Augenbrauen ein wenig zusammengezogen und er die Rüstungsteile fokussierte, die mittlerweile schon wie eine zweite Haut für ihn waren. Ihr Gewicht war im Vergleich zu den Teilen seiner vollwertigen Rüstung so gering, dass er schon gar nicht mehr registrierte, ob er sie trug oder nicht. “Das ist nichts gegen meine richtige Rüstung”
, merkte er an und drehte seinen Kopf wieder zu Aleena, für einen Moment ihr helles, freudiges Gesicht betrachtend, während sie kichernd darüber sinnierte, selbst eine Rüstung zu tragen. Schließlich stahl sich die Belustigung auch in seine Gesichtszüge, nur ein warmer Hauch von der ungefilterten Rauheit, die er seinen Freunden entgegen brachte. Ein kleiner Funke von dem Wolf, der witzelnd seine Zähne bleckte und doch genau die richtige Seriosität an den Tag legte, dass man manchmal nicht ganz wusste, auf welcher Seite der Münze man sich nun befand. “Wir könnten dir eine anfertigen lassen. Aus leichtem Metall, damit du dich bewegen kannst.”
Warum eigentlich nicht? Selbst Aleena machte sich mittlerweile sicher nichts mehr vor, zu ignorieren, in welche Familie sie hinein geheiratet hatte, in welche Kultur. Dass Frauen hier Rüstungen trugen, war vollkommen normal. Es zeugte von Stärke, wenn sie sich dem Bild ein wenig anpasste, wenn auch nur optisch - und würde Leif selbst vermutlich mächtig stolz machen. “Ein Brustharnisch, Armschienen. Reinka kann dich beraten, wenn du magst.”
Im Endeffekt war es doch ihre Entscheidung, Leif hatte längst aufgegeben, sie für etwas zu halten, was sie nicht war. Es war ihm lange schwer gefallen, sie als das zu akzeptieren, was sie war; eine Blume an seiner Seite, die kaum mehr mit ihm teilte als königliches Blut und den Glauben an Heofader. Er wusste nicht einmal, ob sie eine große Familie wollte. Ob sie gerne Mutter sein wollte, oder ob es nur ein weiteres Bild war, in das man sie gedrängt hatte, ohne ihre Wünsche zu berücksichtigen. Hatte er sie jemals gefragt?“Schwachsinn. Wen kümmert es, was du hinter geschlossenen Türen trägst?”
, konterte er direkt, aber nicht schneidend. Die Müdigkeit vom Tag machten sich hier bemerkbar, wo er - abseits von jedem Auge, das Stärke und Führungskraft von ihm erwartete - endlich herunterfahren konnte. Endlich eine Matratze und eine Frau an seiner Seite genießen konnte; seine Frau, wohlgemerkt. Das Gefühl von Ankommen machte ihn träge, und die Wärme unter seiner Hand ließ ihn kurz die Augen schließen. “Wir sind in einem stinknormalen Gasthaus, niemand erwartet, dass du dich für einen Ball präsentierst.”
Realisierend, dass er seine Worte vielleicht ein wenig zu hart gewählt hatte, fügte er noch hinzu: “Mir ist nur wichtig, dass es dir und unserem Sohn gut geht. Du musst dich für mich nicht in Schale werfen.”
Ehrliche Worte, die in der Ruhe zwischen ihnen mehr Gewicht trugen als wenn er sie laut im Beisein von seinen Gefolgsleuten aussprach. Seine Frau hier zu halten, mit dem Leben unter seiner Hand, von dem man noch nichts sah, es aber spüren konnte, füllte ihn mit einer anderen Verantwortung. Einer, die ihm nicht fremd war - nicht mehr, seit er von Valda erfahren hatte - aber eine, die zwischen den beiden Eheleuten bisher nicht existiert hatte. Alles, was Leif wollte, war das Leben in Aleena mit seinen bloßen Händen zu beschützen. Es war so einfach, so simpel, wenn man auf einmal damit konfrontiert wurde, was es bedeutete, Vater zu werden. Vater zu sein.“Mhm”
, brummte er zufrieden und seine Hand festigte sich ein wenig auf ihrem Bauch, als könnte er forcieren, dass sich etwas bewegte. Es waren diese kleinen Freuden, die er nie hatte ausleben können. Freuden, von denen er wusste, dass er viele verpassen würde. Schon wieder. Aleena sprach es an und Leif antwortete erst nicht, weil er dem Schatten keinen Raum geben wollte, von dem er wusste, dass er über ihnen hing. Seit sie sich im Juni dafür entschieden hatten, der Kampagne von Charles zu folgen, war er sich der Konsequenzen bewusst, die ein Krieg für ihn haben würde; nicht nur für ihn als Kronprinzen eines Landes, sondern für ihn persönlich. Veränderung verlangte Opfer, das hatte er damals schon gewusst und akzeptiert.Selbst wenn die Opfer beinhalteten, dass er nicht dabei sein konnte, wenn sein Sohn auf die Welt kam.
“Eine Weile”
, antwortete er vage, nicht gewillt, mehr Auskunft über einen Sachverhalt zu geben, den er weder ändern noch vorhersagen konnte. So lange, wie wir brauchen, um zu gewinnen, wollte er noch hinzufügen, tat es aber nicht. Genauso hoch war die Wahrscheinlichkeit, dass er gar nicht mehr zurückkehrte. Die unschöne Wahrheit war, dass er die Frage nicht beantworten konnte, ohne Dinge zu beschönigen oder außen vor zu lassen. Leif glaubte daran, dass sie gewinnen konnten, sonst wäre er nicht in der Lage, seine Landsleute hinter sich zu versammeln und mit Worten den Kriegsgeist in ihnen zu schüren. Aber er war nicht naiv. Er wusste, dass viele Faktoren in Sieg und Niederlage mit hinein spielten, die er genauso wenig beeinflussen konnte wie Charles. Das Leben war keine Lehrschrift, die vorschrieb, wie man einen Krieg in drei Monaten gewinnen und unverändert nach Hause zurückkehren konnte. Es war nichts, mit dem er Aleena belasten wollte; wenn überhaupt, dann war er hier, um die wenigen Stunden mit ihr und ihrem gemeinsamen Sohn zu schätzen, bevor er seinen Fokus wieder darauf legte, was vor ihm lag. Warum also nicht die Schwere mit etwas Humor aufheben?
“Ich wette, Vater lässt keine Gelegenheit aus, zu betonen, wie angenehm ruhig es in der Burg ohne seine Söhne ist. Hat er schon angefangen, sich allein zu betrinken?”

