| Winterland |
| Lindgard Stelhammer |
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| Alter |
21 |
| Beruf |
Prinzessin von Norsteading |
| Wohnort |
Wintergard |
| Stand |
Verheiratet |
| User |
Lia |
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15-07-2025, 21:44 - Wörter:
Der Schlaf hatte Lindgard nicht gefunden, er hatte sie überwältigt. Heimlich, aus dem Hinterhalt, wie eine Natter im hohen Gras, als sie zu lange ins flackernde Licht der Feuerstelle gestarrt hatte. Vielleicht war es auch die Stille gewesen. Oder die Müdigkeit, die sich wie ein schwerer Schleier auf ihre Schultern gelegt hatte, während sie wach im Bett gelegen und dem Pochen ihres eigenen Herzens gelauscht hatte, wie damals als Kind, wenn die Ereignisse des Tages zu aufregend gewesen waren, um sie schlafen zu lassen. Vielleicht war es auch die Wärme gewesen, die sich durch die unzähligen Pelze über ihr in die Glieder geschlichen hatte, viel zu üppig, viel zu weich, fast wie eine Falle aus Gemütlichkeit. Oder es war schlicht die Erschöpfung gewesen, die sie übermannt hatte, als sie endlich sicher gewesen war, dass Jorin sie heute Nacht nicht mehr aufsuchen würde. Nicht aus Gleichgültigkeit, das wusste sie. Nein, Jorin war zu rücksichtsvoll, zu achtsam. Zu gut. Und genau das war es, was ihr so furchtbar leidtat.
Sie hatte den Moment nicht registriert, in dem ihr die Augen zugefallen waren. Keine Erinnerung an einen letzten Gedanken, kein Bewusstsein, dass der Schlaf kam. Und so war es ein Absturz ins Nichts gewesen – ein kurzer, taumelnder Fall in einen dunklen, traumlosen Schlund. Zuerst. Doch dann hatte sie es gespürt. Das Knistern. Oder eher: das Fehlen davon. Kein Knistern mehr. Kein Flackern. Keine Wärme. Nur Dunkelheit. Zäh, erstickend, lautlos. So vollkommen lautlos, dass ihre Sinne begannen, Dinge zu hören, die nicht da waren. Schwere Schritte. Grunzende, erregte Atemzüge. Das grobe Schaben von Stiefeln auf gefrorenem Waldboden. Und plötzlich war alles wieder da – nicht wie eine Erinnerung, sondern wie ein Fallen in eine Zeit, die nicht vergangen war. Nicht für sie.
Sie lag da, gefangen in ihren eigenen Gedanken. Wach genug, um zu wissen, dass sie schlief, aber nicht mit genug Bewusstsein, um sich zu bewegen. Ein bleiernes Gewicht legte sich auf ihre Brust – vielleicht das schwere Fell, vielleicht ihre eigene Panik – und ihre Lider blieben wie zugenäht. Selbst das Zittern ihrer Glieder spürte sie nur dumpf, als wären sie nicht mehr Teil von ihr.
Dann dieser grobe Stoff, der an ihrer zarten Gesichtshaut rieb. Wie damals. Der Leinensack, sie roch ihn – feucht, modrig, mit einem Hauch von altem Metall. Sie hörte das schmutzige Gelächter, spürte, wie Hände über sie glitten. Rau. Fremd. Gierig. Ihr Mund war trocken, der damalige Schrei heute nur Wimmern tief in ihrer Kehle. Ihre Brust hob und senkte sich zu schnell. Die Kälte des eiskalten Waldbodens, der Gedanke, den Fremden ausgeliefert, entblößt zu sein ... die Erinnerungen waren so präsent, so greifbar, dass sie erstickt aufschluchzte. Zuerst leise, dann lauter. Der gellende Schrei brach aus ihr hervor, ehe sie ihn unterdrücken konnte – roh und keuchend, das Geräusch eines gehetzten Tieres, das aus dem Schlaf gerissen wird.
Und dann war da diese Gestalt. Vor ihrem Bett. In der Finsternis. Hochgewachsen, breitschultrig. Eine Silhouette nur, doch in ihrem panischen Zustand war das Bild längst vervollständigt: Es war einer von ihnen. Wieder einer von ihnen. Wimmernd fuhr ihre Hand zur Seite. Ihr Dolch, wo war ihr Dolch? Er war immer da gewesen – unter ihrem Kissen, in Reichweite. Doch jetzt war da nur das Fell, nur Leere. Ihre Finger tasteten, krallten sich in weiches Leinen, während sie zurückwich, tiefer ins Bett hinein, das viel zu groß war, viel zu leer. Viel zu fremd. Ihre Stimme war nur ein Flüstern, gebrochene, unverständliche Worte, ihre Kehle rau vom Schreien, das zu eine Krächzen verebbt war.
Dann – eine Lichtquelle – blass, golden und zögerlich. Ein Hauch von Flamme, irgendwo neben dem Bett. Und mit dem Licht: ein Gesicht. Weder fremd noch feindlich, vielmehr vertraut. Jorin. Ein Keuchen entwich ihren Lippen, doch nicht aus Erleichterung. Es war vielmehr die Erkenntnis, von was genau er just Zeuge geworden sein muss, die auf Lindgards Seele schlug wie eine Axt auf gefrorenes Holz.
Sein Blick wirkte verwirrt, vielleicht sogar besorgt. Ihre Brust hob und senkte sich viel zu schnell, der Schweiß hatte ihr das hellblonde Haar an die Schläfen geklebt, und ihre Wangen glänzten von Tränen, die sie nicht bewusst vergossen hatte. Dann das Bewusstsein ihres Körpers: das dünne Nachtgewand, das Frigga ihr hatte anlegen lassen – aus fließendem, dunklem Leinen, tief ausgeschnitten, fast durchsichtig, mit zarten Stickereien entlang der Kante, die kaum etwas verhüllten. Ihre Schultern waren nackt, ebenso wie ihre Schenkel, über die der Stoff sich nur lose legte. Sie fühlte sich bloßgestellt. Nein, entblößt. Nicht durch ihn – nicht durch Jorin – ondern durch sich selbst, durch diese Nacht. Durch die Albträume, durch das Zittern, durch das Unvermögen, endlich so zu sein, wie man es von ihr erwartete.
Ihr Blick suchte seinen. Fand ihn einen Herzschlag lang, nur um ihn nicht halten zu können. Ihre Lippen bebten, ihr Gesicht zeigte eine Mischung aus Scham, Angst und einem bitteren, brechendem Stolz. Sie öffneten sich, doch kein Wort kam über sie. Lindgard wollte sich aufrichten, sich sittsam bedecken, doch der Schwindel kam zu schnell. Ihre Finger gruben sich in das Fell und zogen es mühsam über ihren spärlich bedeckten Körper. Sie lebte, das musste reichen. Doch in ihrem Innersten pochte nur die Gewissheit, dass ihr Ehemann so viel mehr verdient hatte als diesen Schatten einer Gemahlin.
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| Winterland |
| Jorin Stelhammer |
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| Alter |
21 |
| Beruf |
Prinz von Norsteading |
| Wohnort |
Wintergard |
| Stand |
Verheiratet |
| User |
Risa |
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26-07-2025, 11:21 - Wörter:
Seit Stunden harrte Jorin nun hier in der Schenke mit seinen Freunden aus. Das Bier war schal, die Würfelspiele repetitiv, das Lachen an seinem Tisch ein wenig zu laut, zu forciert. Wie so oft in letzter Zeit fühlte er sich fehl am Platz, als hätte er sich in eine Rolle verirrt, die ihm einst besser stand. Seine Gedanken aber waren bei ihr. Bei seiner Ehefrau. Er konnte sich nicht erinnern, wann genau sie ihm entglitten war. Vielleicht hatte sie es nie ganz zu ihm geschafft. Nicht so, wie er es sich erträumt hatte. Als die Verlobung beschlossen wurde, war sein Herz übervoll gewesen mit Hoffnung. Sie war seine Kindheitsfreundin, sein leuchtender Stern in den dunkleren Stunden der Jugend. Wie oft hatte er sich vorgestellt, wie es sein würde, sie an seiner Seite zu wissen, nicht nur als Braut, sondern als Gefährtin, als Geliebte, als seine Ehefrau.
Doch seit der Hochzeit war alles anders geworden.
Kälter und stiller.
Lindgard hatte sich verschlossen, als hätte der Ring an ihrem Finger ein Tor hinter ihr zugeschlagen. Ihre Blicke blieben flüchtig, ihre Worte höflich, doch leer. Ihre Berührungen – nun, es hatte nie welche gegeben, die mehr waren als das flüchtige Streifen eines Ärmels im Vorübergehen. Die Nacht, auf die alle gewartet hatten, war nie gekommen und je mehr Zeit verging, desto mehr verwandelte sich Jorins Hoffnung in eine zähe Ungewissheit.
Als Frigga schließlich entschieden hatte, dass Lindgard von nun an in seinem Gemach nächtigen sollte, hatte er nichts entgegnet. Wie auch? Die Königin sprach selten im Ton eines Vorschlags. Vielleicht hatte auch ein Teil von ihm sich danach gesehnt, Lindgard näher zu kommen. Ihr wenigstens im Schlaf nah zu sein, wenn sie es ihm bei Tage schon verwehrte. Doch als der Abend nun endlich gekommen war, hatte Jorin das Weite gesucht. Die Vorstellung, sie dort zu sehen, inmitten seiner Gewohnheiten, seiner Bücher, seiner Waffen – so fremd, so unberührbar –, hatte ihn geängstigt. Deshalb war er hier gelandet, zwischen leerem Gelächter und überfüllten Krügen, mit einem Herz, das zu laut schlug.
Als er endlich den Weg zurück ins Schloss einschlug, war es bereits tiefe Nacht. Der Wind hatte sich gelegt, nur das leise Flackern der Fackeln in den Fluren begrüßte ihn, als er durch das Hauptportal trat. Seine Schritte hallten auf dem Steinboden, begleitet von dem pochenden Rhythmus seines Herzens. Er öffnete die Tür zu seinen Gemächern vorsichtig, fast zögerlich, obwohl er sich sicher war, dass seine Frau bereits schlafen würde.
Und dann hörte er es.
Ein Keuchen. Erst leise, kaum wahrnehmbar, dann ein Schrei, gellend, roh, voller Schmerz, so tief, dass er Jorin wie ein Faustschlag traf. Er stürzte ans Bett. Lindgard lag im zerwühlten Bett, die Augen geschlossen, das Gesicht vom Licht der Kerze nur schwach erhellt. Ihr Atem ging stoßweise, ihre Glieder zuckten, als wehrte sie sich gegen etwas Unsichtbares. Er sah, wie sich ihre Stirn kräuselte, wie sich Tränen über die Schläfen stahlen, lautlos und fremd. Und Jorin? Er stand nur da, reglos, gefangen zwischen Sorge und Hilflosigkeit. Dann ein leiser Laut, ein Wimmern, gefolgt von einem weiteren Schrei, rauer noch als der erste. Lindgard wand sich im Bett wie eine Ertrinkende. Ihre Augen rissen sich auf, weit geöffnet, aber leer, voller Panik, als sähe sie Dinge, die nicht hier waren. Der Prinz widerstand dem Impuls, sofort zu ihr zu eilen und sie in die Arme zu schließen. Etwas in ihren Augen hielt ihn zurück. Die nackte Angst, die sich darin spiegelte, richtete sich nicht nur gegen das, was in ihrem Inneren tobte, sie schien auch ihm zu gelten. „Lindgard“, sagte er leise. Seine Stimme klang fremd in diesem Raum voller Schatten. Er trat einen Schritt näher, langsam, vorsichtig, als wolle er ein aufgescheuchtes Reh nicht weiter verschrecken. Sie rührte sich nicht. Ihr Blick fuhr kurz über ihn, huschend, beinahe ohne ihn zu erkennen, bevor sie ihn senkte. Ihre Finger krallten sich ins Laken, der Stoff ihres Nachtgewandes klebte an ihrer Haut – zu dünn, zu durchsichtig, als hätte sie keinen Schild mehr zwischen sich und der Welt. Jorin spürte den Schmerz dieser Erkenntnis fast körperlich, nicht, weil sie ihn so ansah, sondern weil sie sich selbst nicht mehr schützen konnte und er wusste, mit jeder Faser seines Wesens, dass er sie jetzt weniger denn je berühren durfte.
Er kniete sich neben das Bett, eine Hand auf das zottige Fell gelegt, das sie sich panisch um den Körper gezogen hatte. „Ich bin es, Jorin“, flüsterte er. „Du bist in Sicherheit.“ Er setzte sich auf die Bettkante, ein gutes Stück entfernt. Saß dort still, reglos, wie ein Wächter, der wusste, dass sein Platz nicht an ihrer Seite, sondern nur in ihrer Nähe war. Er vermied es, näher zu rücken, denn er hatte Angst, dass sie das noch mehr dazu veranlasste, in Panik zu geraten. So viel Schmerz, so viel Scham lag in ihren Augen, dass es ihm das Herz brach. Er hätte geschworen, ihr jedes Leid vom Leib zu halten, doch da lag sie, zerbrochen in einer Schlacht, die er nicht verstand.
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| Winterland |
| Lindgard Stelhammer |
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| Alter |
21 |
| Beruf |
Prinzessin von Norsteading |
| Wohnort |
Wintergard |
| Stand |
Verheiratet |
| User |
Lia |
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08-09-2025, 21:07 - Wörter:
„Lindgard.“
Ihr Name, gesprochen in seinem ureigenen Timbre – tief, vertraut, und doch so fern, dass er sie fast noch mehr erschreckte als beruhigte. Ein Teil ihres Geistes klammerte sich an ihren Namen, an seine Stimme, wie an einen Ast im tosenden Strom. Langsam, mit Mühe, drängte sie die Schatten zurück, die noch in ihren Eingeweiden wüteten. Der Leinensack war fort, die fremden Hände ebenso. Nur das Stolpern ihres Herzens war geblieben, wild und unbändig, als wollte es sich aus ihrer Brust befreien.
Die Felle um sie herum fühlten sich noch immer wie ein Gewicht an, das sie niederdrückte, und doch war ihre Haut dankbar für ihre Wärme. Sie atmete tiefer, konzentrierte sich auf die Gerüche des Raumes: das verbrannte Harz der Kerzen, das feine Leinen an ihrem Leib, das unangenehme Prickeln von kalter Luft auf ihrer schweißfeuchten Haut, die durch den Spalt der Tür gekrochen war, als Jorin hereingekommen war. Sie spürte, dass sie nicht mehr im Wald war, nicht mehr ausgeliefert, und ein winziger Teil von ihr glaubte daran, dass sie jetzt wieder in Wintergard war. In Sicherheit. An seiner Seite. So wie er es ihr in diesem Augenblick versicherte.
Ihre Finger krallten sich in die Pelze, während ihre Gedanken wie hunderte Gänsedaunen durch die Nacht tanzten. Sie war schwach. Schwächer, als eine Winterländerin es je sein dürfte. Eine Stelhammer-Gemahlin durfte nicht so daliegen, mit tränennassem Gesicht und bebenden Gliedern, unfähig, sich gegen lächerliche Geister zu wehren. Eine gute Ehefrau würde den Mut haben, stolz neben ihrem Mann zu bestehen, würde stark genug sein, ihm das zu geben, was er verdiente: Kinder. Nähe. Vertrautheit. Stattdessen hatte er sie so sehen müssen: erschüttert, schreiend, entblößt. Schwach.
Die Scham brannte wie Frost in ihrem Magen, bereitete ihr Übelkeit. Mit einer fahrigen Bewegung zog sie die Felle enger um ihren Körper, obwohl sie wusste, dass sie das nicht sollte. Sie sollte sich nicht verhüllen, sondern geben. Frigga hatte ihr genau diesen Ratschlag erteilt. Wobei dieser Ratschlag eher einem königlichen Dekret gleichgekommen war. Doch die Erkenntnis, dass sie das nicht konnte, durchsetzte ihren Geist wie das schlimmste Gift. Sie konnte es nicht. Und vielleicht würde sie es nie können.
Trotzdem zwang sie sich, den Kopf zu heben. Der Stolz, der noch immer in ihren Genen lebte, gebot es ihr. Sie musste Jorin ansehen, musste erkennen, was in seinen Zügen geschrieben stand. Blaue Augen, hell und klar wie das ewige Eis der Einöde, glitten zögerlich zu ihm hinüber. Und er war so, wie sie ihn kannte: hochgewachsen, kräftig, die Schultern gerade, scharfe Gesichtszüge, wie gemeißelt. Sein dunkles Haar streng zurückgebunden, der Bart dicht, dessen Kupferschimmer der Kerzenflamme ähnelte. Und in seinen Augen fand sie endlich das, was sie suchte.
Verwirrung. Unsicherheit auch, ein kaum wahrnehmbares Flackern. Doch über allem lag dieser Ausdruck, der sie erstarren ließ: Mitleid, dessen war sie sich sicher. Mitleid für ihre Schwäche, für ihre Unzulänglichkeit, für das Salz ihrer Tränen. Das Blut stieg ihr heiß ins Gesicht, und sie wandte den Blick ab. Besser, er sah ihr Erröten nicht, sie wollte nicht bemitleidet werden. Sie war Lindgard Stelhammer. Eine stolze Winterländerin. Eine Prinzessin. Keine Frau, die schwach dalag wie ein wehrloses Kind. Doch hier war sie nun. Und er hatte es gesehen.
“Verzeih.“ Das Wort kam brüchig, als sie ihre trockenen Lippen endlich öffnete. Eine Entschuldigung, kaum mehr als ein Wispern, verloren in der lastenden Stille des Raumes. Keine Erklärung, keine Ausflucht. Nur das Eingeständnis, dass dies alles zu viel war. Dass sie ihm diesen Augenblick zugemutet hatte, so ungewollt, so beschämend. Es war alles, was sie geben konnte: ihre Entschuldigung für ihr Versagen.
Ihre Augen sanken auf seine Hand, die auf dem Fell ruhte, das sie bedeckte, nah und doch nicht ganz bei ihr. Er hielt Abstand. Natürlich, sie konnte es ihm nicht verdenken. Sie war kein schöner Anblick, so verschwitzt und tränenverschmiert. Und doch schmerzte es, zu wissen, dass er ihr nicht nahe sein wollte. Unbewusst streckte sie die Finger aus, als müsste sie die emotionale Distanz zwischen ihnen überbrücken. Ihre Hand legte sich auf seine. Zögernd, suchend, fast schuldbewusst. Die Wärme seiner Haut drang zu ihr, ließ die Panik für einen Moment zurückweichen. Mit dieser Berührung zwang sie sich, den Rücken zu straffen, die Felle fielen ein Stück zurück, als sie sich langsam aufrichtete.
Sie hob den Blick erneut, er tastete unsicher über sein Gesicht, über die tiefen, nachdenklichen Linien auf seiner Stirn, die Unlesbarkeit seiner dunklen Augen. Ein Kloß in ihrer Kehle machte ihr die Worte schwer, doch sie musste etwas sagen, um nicht wieder im Schweigen zu ertrinken. „Es...wird nicht wieder vorkommen.“ Es war kaum mehr als ein Hauch, mit einem flehentlichen Unterton, was über ihre Lippen kam. Doch es war echt. Ein so echtes Versprechen, dass es ihr selbst Angst machte. Sie versuchte alles, um ihm einen Ausweg zu bieten – eine Möglichkeit, sich nicht mit den Dämonen beschäftigen zu müssen, die sie nur ganz allein zu bekämpfen gedachte.
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| Winterland |
| Jorin Stelhammer |
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| Alter |
21 |
| Beruf |
Prinz von Norsteading |
| Wohnort |
Wintergard |
| Stand |
Verheiratet |
| User |
Risa |
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19-10-2025, 09:36 - Wörter:
„Verzeih.“
Das Wort war kaum mehr als ein Hauch – brüchig, zerbrechlich, so leicht, dass Jorin fast fürchtete, die Bewegung seines Atems könnte es zerschneiden. Trotzdem traf es ihn mit der Wucht eines Schlages.
Verzeih? Wofür?
Für das Zittern, das sie nicht verbergen konnte? Für Tränen, die längst getrocknet sein sollten, bevor sie ihn trafen? Für eine Schwäche, die keine war, sondern ein Aufschrei des Körpers gegen etwas, das er nicht verstand? Er sah sie an, sah die Spuren der Angst, die sich in ihr Gesicht gegraben hatten, die Wimpern noch dunkel von Feuchtigkeit, die Lippen trocken, das Haar wirr und golden zugleich. Sie war ihm nie fremder erschienen und nie so menschlich. Ein Teil von ihm wollte sofort handeln und sie in die Arme ziehen, ihr Halt geben, etwas tun, um diesen Ausdruck aus ihrem Gesicht zu vertreiben. Aber er tat es nicht. Etwas an der Art, wie sie atmete, wie ihr Blick ihn nur streifte, hielt ihn zurück. Also blieb er dort, am Rand des Bettes, unbeholfen, wie ein Mann, der die Grenzen seines eigenen Herzens nicht kannte.
Natürlich begannen auch seine Gedanken zu rasen. Ein entsetzlicher Verdacht schlich sich in sein Bewusstsein, leise, aber hartnäckig: dass ihr jemand Leid zugefügt haben musste. Etwas, das tiefer reichte, als Worte oder Vernunft. Etwas, das sie verändert hatte und sie zu der Frau formte, die ihm nun gegenübersaß – schön, stolz, und doch wie aus Glas gefertigt.
In diesem Augenblick, in dem er sie so sah, verstand er zum ersten Mal, warum sie ihn fernhielt. Nicht aus Kälte. Nicht aus Ablehnung. Sondern vielleicht, weil Nähe für sie kein Trost war, sondern eine Wunde, die nie richtig verheilt war.
Ein Laut, kaum hörbar, entrang sich seiner Kehle, ehe er ihn zurückhielt. Was sollte er sagen? Dass sie sich nicht entschuldigen müsse? Dass sie keine Schuld traf, wo er doch selbst Teil dieser Nacht war und sie geweckt hatte.
Seine Finger ruhten noch immer auf dem Fell, dicht bei ihrer Hand. Und dann spürte er es: die Berührung. Zart, zögernd, beinahe scheu. Als fürchte sie, dass er zurückweichen würde.
Doch Jorin tat es nicht. Er ließ sie gewähren, fühlte, wie ihre Finger sich vorsichtig auf die seinen legten und wie die Wärme dieser Geste langsam durch die Kälte der letzten Wochen sickerte. Etwas in seiner Brust zog sich zusammen – ein schmerzhaftes, seltsam süßes Ziehen.
„Lindgard“, sagte er leise. Der Klang ihres Namens fühlte sich mit einem Mal fremd an in seiner Kehle. „Du musst dich nicht entschuldigen.“ Seine Stimme klang rau, zu tief, als hätte sie den Weg aus einer langen Stille erst wiederfinden müssen. Er wartete auf eine Reaktion, doch sie sagte nichts. Er senkte den Blick ebenfalls, folgte der Linie ihrer Finger über seine Haut. Es war fast lächerlich, wie viel ihm diese kleine Berührung bedeutete. Wie lange hatte er sich vorgestellt, dass sie ihn so ansah, so berührte, ohne Zwang, ohne Pflicht? Und nun, da es geschah, fühlte er nur Schmerz. Nicht wegen ihr, sondern wegen allem, was sie offenbar mit sich trug, verborgen unter Schichten aus Stille und Zurückhaltung, die er nie zu durchdringen vermocht hatte.
„Ich wusste nicht, dass du…“ Er verstummte. Der Rest des Satzes fiel ihm schwer. ...diese Träume hast, hätte er sagen wollen. Oder ...so kämpfst. Aber das klang falsch. Er hatte kein Recht, das auszusprechen, nicht jetzt, nicht so. „...dass du keine Ruhe findest“, beendete er schließlich und die Worte klangen unzureichend, blass gegen die Tiefe dessen, was er gerade gesehen hatte. Er wagte, sie wieder anzusehen. Die Kerze flackerte, warf unruhige Schatten über ihr Gesicht. Er konnte nicht deuten, was in ihr vorging, nur die angespannte Stille spüren, die sie umgab wie ein Schild. Er seufzte leise, strich unbewusst mit dem Daumen über den Rand ihrer Finger, ehe er die Hand wieder zurückzog, langsam, um sie nicht zu erschrecken. „Wenn du willst, dass ich gehe…“, begann er, und seine Stimme brach beinahe, „dann sag es. Ich werde nicht bleiben, wenn du meine Nähe nicht erträgst.“
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| Winterland |
| Lindgard Stelhammer |
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| Alter |
21 |
| Beruf |
Prinzessin von Norsteading |
| Wohnort |
Wintergard |
| Stand |
Verheiratet |
| User |
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09-11-2025, 20:00 - Wörter:
Lindgard verstand ihn nicht. Zumindest nicht so, wie er es wohl meinte. Das ’Du musst dich nicht entschuldigen’ – es hallte in ihr nach wie ein Urteil, keine Absolution. Er sprach mit jener sanften Stimme, die ihr sonst Trost sein konnte, Verständnis versprach, doch in dieser Nacht hörte sie nur, was ihr eigener getriebener Geist daraus machte: dass er ihr nicht verzeihen konnte. Oder schlimmer: dass es nichts gab, was zu vergeben war, weil ihr Verhalten ihn schlicht beschämte. Natürlich tat es das. Wie hätte es auch nicht? Sie hatte geschrien wie eine Wahnsinnige, ihn verstört mit Lauten eines gehetzten Tieres. Sie hatte gezittert, geweint, war praktisch nackt und schwach zugleich vor ihm zusammengebrochen. Was sollte ein Mann wie Jorin nur denken? Ein Prinz des Winterlands, so stark und fähig, die Hoffnung eines mächtigen Volkes, war gezwungen, seine besten Jahre mit einer Frau zu verbringen, die ihn zurückstieß, die ihm das verweigerte, was ihm zustand. Ihren Körper, ihr Vertrauen, die Zukunft, die man ihnen gemeinsam auferlegt hatte.
Ein bitterer Geschmack legte sich auf ihre Zunge, als sie daran dachte, was man von ihr erwartete. Was ihre liebe Mutter getan hätte. Was Königin Frigga wohl gedacht haben musste, als sie die Anordnung traf, sie beide in dieses gemeinsame Gemach zu drängen, in der Hoffnung, dass sich alles, was falsch war, durch Nähe korrigieren ließe. Und sie? Sie war nichts als eine Enttäuschung. Eine Ehefrau, die man schon längst seltsam ansah. Eine Prinzessin, die ihre größte Pflicht eines Erben nicht erfüllte. Wie konnte er also so ruhig bleiben? Wie konnte er, Nacht für Nacht, nichts fordern, wo andere Männer längst genommen hätten, was ihnen zustand? Es war nicht unüblich in Norsteading. Nicht grausam, sondern schlicht so, wie es einfach war. Doch Jorin war keiner dieser Männer, das hatte er so lange bewiesen. Er wartete, dämpfte stets seine dröhnende Stimme in ihrer Gegenwart, hielt Abstand, und das machte es für sie nur schlimmer. Denn sie wusste, dass er nie sein würde wie die anderen. Aber auch, dass er sich ihr gegenüber nicht verhielt, wie er wirklich war. Und das Wissen schnürte ihr die Kehle zu.
Seine Worte holten sie in die Gegenwart zurück. Seine Stimme, ruhig, tief, von jener Wärme durchzogen, die sie gleichzeitig suchte und fürchtete. Er sagte etwas – etwas über ihre Unruhe, über die Schlaflosigkeit, die sie nicht länger zu verbergen wusste. Sie konnte ihm darauf nicht antworten. Nicht sagen, dass er recht hatte. Nicht erklären, dass sie die Nächte fürchtete, weil sie dann unweigerlich mit dem konfrontiert wurde, was sie tagsüber so leidenschaftlich zu verdrängen versuchte: Gesichter, Schatten, die eigene Machtlosigkeit. Er konnte es nicht wissen. Und er durfte es nicht. Ihre Augen wanderten über seine Züge. Über den Schatten seines dichten Bartes an seinem kräftigen Hals, das müde Spiel der Muskeln unter seiner Kleidung, seinen forschend-ernsten Blick, der zu lange an ihr haftete. Und sie spürte, wie Scham in ihr aufstieg, heiß und gnadenlos. Es war, als würde die Schande selbst sie entblößen, viel mehr als das dünne Gewand, das ohnehin nichts verbarg. Sie hatte keine Worte für das, was in ihr tobte, nur dieses drängende Gefühl, ihn bitten zu müssen, zu vergessen, was er gesehen hatte.
Doch bevor sie die Kraft dazu fand, zog er sich zurück. Eine Bewegung, kaum merklich, ein sanftes Lösen seiner Finger unter ihrer Hand hervor, und doch spürte sie es wie einen Peitschenschlag. Sie hatte das zarte Streichen seines Daumens fast übersehen, so flüchtig war es gewesen. Nur die Erinnerung von Wärme war geblieben. Und dann diese Leere. Seine Worte, die nun folgten, trafen sie unvorbereitet. Etwas in ihr brach auf – nicht laut oder sichtbar, aber tief und still. Wie dünnes Eis, das unter einem unüberlegten Schritt nachgibt. Er verstand nicht, was sie zurückhielt, und doch machte ihn das nicht wütend. Nur…traurig? Und das war schlimmer. Es war unerträglich. Ihr Atem stockte. Sie wollte sprechen, wollte sagen, dass er sich irrte. Dass sie ihn nicht fürchtete. Nur das, was noch viel zu oft in ihr aufstieg, wenn jemand ihr zu nahe kam. Doch die Worte kamen nicht, lediglich ein gepresstes Flüstern, kaum hörbar.
„Bleib.“ Ein einziges Wort, heiser gesprochen, aber echt. Ihre Finger fanden wieder Halt im Fell, ihre Schultern strafften sich leicht, obwohl sie innerlich zitterte. Wenn sie ihm weiterhin auswich, würde sie ihn verlieren. Vielleicht nicht in Taten, aber in all den kleinen Dingen dazwischen: dem Vertrauen, dem Blick, dem unausgesprochenen Wunsch, dass sie eines Tages vielleicht wirklich seine Frau sein konnte. Sie wusste, dass sie ihn nicht ewig auf Abstand halten konnte. Früher oder später würde der Druck für sie beide zu groß werden. Vielleicht war es also besser, wenn es heute geschah. Wenn sie ihm endlich gab, was ihm zustand. Wenn sie die Dunkelheit mit einer Tat überstimmen konnte, die ihr vielleicht sogar wieder Kontrolle zurückgab. Aber konnte sie das wirklich? Ihr Herz pochte wild gegen ihre Rippen, während sie ihn ansah. Er saß dort, wie ein Fels in der Brandung, und doch schien sie jeden Herzschlag von ihm zu spüren. Ihr Mund öffnete sich, aber die Worte waren zu klein für das, was sie fühlte. Also tat sie das Einzige, was ihr einfiel: Sie rückte ein Stück zur Seite, schob die Felle beiseite und sah ihn an – fragend, unsicher und verletzlich. „Es ist kalt“, murmelte sie leise, beinahe entschuldigend. Ein erster, zaghafter Schritt.
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